• Einheitsfeier: Ein Auftritt, kein Solo - Wenn Kohl spricht, dann als einer von vielen (Kommentar)

Politik : Einheitsfeier: Ein Auftritt, kein Solo - Wenn Kohl spricht, dann als einer von vielen (Kommentar)

Albert Funk

In dieser Woche wollen sie ihn, der offenkundig gebeten werden will, noch einmal bitten. Denn vor dem Staatsakt in Dresden und der CDU-Parteiveranstaltung in Berlin debattiert am 29. September noch der Bundestag über den zehnten Jahrestag der Einheit. Und Helmut Kohl wird da reden wollen. Man kann es ihm auch nicht verdenken, nach der zweifellos unglücklichen Entwicklung um die große Einheitsfeier in Dresden.

Und doch gibt es Argumente dagegen, dass Kohl im Bundestag spricht. Zwar wäre es, wie in Dresden, schon etwas merkwürdig, wenn er zu "seinem" Ereignis nichts sagen kann. Aber es ist nun einmal so, dass Kohl nicht nur als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen wird. Wie bei vielen dominierenden Politikern, die von der Macht nicht lassen konnten, wird auch die Art und Weise des Abtretens das Bild etwas färben. Kohl hat mit der Spendenaffäre, seinem Rechtsbruch, seinen Widerborstigkeiten Ungemach über seine Partei gebracht. Mit Blick auf die Parlamentsdebatte sei daran erinnert, dass Kohl eben diesen Bundestag, dessen Präsident über die Parteifinanzen zu wachen hat, hintergangen hat, als er Spenden nicht rechtmäßig verbuchen ließ. Und noch läuft ein Ermittlungsverfahren, trägt ein Untersuchungsausschuss Material auch gegen Kohl zusammen. Es gäbe also Gründe, dass die CDU in der kommenden Woche sagt: Der Auftritt vor der Partei muss genügen.

Ob die junge, unerfahrene und nicht ganz sattelfeste CDU-Führung um Angela Merkel und Friedrich Merz sich das traut, ist die Frage. Der Druck aus der Partei wird stark sein. Immerhin ist es Merkel gelungen, ihren Moment der Schwäche, als sie Kohl zur Rede bitten musste, auszubalancieren durch ihre nachdrückliche Feststellung, sie trenne beim Altkanzler nach wie vor die historische Leistung von den aktuellen Verfehlungen. Da hat sie seit Dezember keinen Millimeter nachgegeben.

Merz wird es ein wenig schwerer haben: Eine Parteiveranstaltung ist Sache der CDU, und Merkel wird ihren Akzent neben Kohl setzen können. Im Bundestag aber wird es eine politische Debatte um eine Regierungserklärung des Bundeskanzlers sein. Andere Fraktionen reden mit, es gibt einen Austausch der Meinungen. Und dann Kohl als Hauptredner seiner Fraktion, der dem Regierungschef antwortet, nicht der Fraktionschef selbst?

Einige Bundestagsabgeordnete haben damit offenbar keine Probleme. Man darf gespannt sein, wie Friedrich Merz diese Situation meistert. Deutlicher als Merkel würde ihm eine zweite Rolle zugewiesen. Seine Rede an diesem Tag wird die wichtigste seiner bisherigen Karriere werden. Er muss Kohl Paroli bieten wie dem politischen Gegner, ohne gegen Kohl zu reden, ja er muss diese verhüllte Gegenrede mit einem Lob des Altkanzlers verbinden. Oder er redet zuerst, antwortet Schröder direkt, setzt den Akzent. Dann hätte er Stärke bewiesen und die Scharte ausgewetzt, die er sich selbst mit seiner unglückseligen Vermittlungsaktion in Sachen Steuerreform beigebracht hat.

Aber ausgerechnet Kohl als Redner in der zweiten Reihe? Warum nicht. Das ist das Schicksal der Abgewählten in einer Demokratie. Die CDU könnte so zeigen, dass sie ihn einbindet, die Kohlianer könnten nicht maulen, und gleichzeitig wäre die notwendige Distanz, auf die Merkel Wert legt, deutlich gemacht. Ach, übrigens: Wolfgang Schäuble hätte bestimmt auch etwas Gewichtiges zu sagen zum Thema. Und ein Ostdeutscher müsste auch prominent platziert werden in der Rednerliste der CDU im Bundestag. Die CSU nicht zu vergessen. Kohl unter vielen. Kein großes Solo.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar