Politik : Einheitsfeier: Flucht aus Dresden (Gastkommentar)

Pascale Hugues

Hilfe! Der 3 Oktober naht. Seit das Datum kühl und bürokratisch gewählt wurde, hat es sich zu einem Trauma für die ausländischen Korrespondenten entwickelt. Der 3. Oktober ist in meiner Erinnerung eine Liste von Tagen, an denen ich fast zu Tode gelangweilt vor dem Computer saß und mangels Inspiration kaum fähig war, eine Zeile zu schreiben. Mehrfach war er verregnet. Da war das traurige Fest in einem menschenleeren Schwerin, da war der Geruch von Pommes Frites und verbrauchtem Fett in Saarbrücken. Schließlich hat meine Redaktion mich angefleht, nichts mehr über den Nationalfeiertag der Deutschen zu schreiben. Am 3. Oktober habe ich nicht einmal leichte und fröhliche Volksfeststimmung erlebt wie am 14. Juli in Frankreich. Kein Tanz zum Akkordeon auf den Straßen, keine kollektiven Freudenausbrüche, keine Bereitschaft, sich selbst ausgelassen zu feiern - was doch angesichts des wunderbaren Anlasses völlig gerechtfertig wäre.

Hätte es nicht Jahr für Jahr einen Strom von Einladungen zu Podiumsdiskussion gegeben, ich hätte das Datum vermutlich vergessen. Die Energie, mit der die Deutschen an diesem Tag ihre kleinen Probleme hin und her wälzen und unter der Lupe analysieren, ist schier unerträglich. Nach zehn Jahren ist der Festtag zu einer Farce geworden. Kann man ihn noch mehr verpfuschen? Man kann. Er kommt. Er kommt nicht. Er kommt doch. Aber nicht dorthin, wo man ihn erwartet. Helmut Kohl im Zentrum einer Geisterdebatte ohne Ausweg. Wenigstens haben die Korrespondenten nun einen Ansatzpunkt, wie sie die Zeilen füllen und ihren Lesern die Mäander der deutschen Seele deuten können. Darf Kohl, der Architekt der Einheit, aber auch Herr der schwarzen Kassen, in Dresden reden? Kann man es moralisch verantworten, de Maizière das Mikrofon zu überlassen, obwohl er unter Stasi-Verdacht steht? Warum nimmt Gerhard Schröder, kaum dass der offizielle Teil in Dresden beendet ist, Reißaus, um auf der Expo zu feiern? Um dem die Krone aufzusetzen, wird Kohl nun doch sprechen. In Berlin, am 1. Oktober, an der Seite von Angela Merkel, als Symbol der Versöhnung im Herzen der Familie CDU - obwohl der Untersuchungsausschuss die Arbeit nicht beendet hat und fast jeden Tag neue Skandalmeldungen durch die deutschen Medien gehen.

Wie soll man so viele Rätsel einem Bewohnern der Pariser Vororte erklären, der die Berichte morgens in der Metro zur Arbeit liest? Will er das überhaupt alles wissen? Für ihn ist die Einheit eine einfache Gleichung - der gute, dicke Kohl.

Diesmal werde ich mich drücken: vor der Langeweile in Dresden. Und in Berlin davor so zu tun, als nähme ich Helmut und Angela die Versöhnungs-Story ab. Ich träume davon, die Flucht zu ergreifen, den 3. Oktober zu vergessen in einem Café in Paris - und in Gedanken bereits den 14. Juli zu feiern.

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