Politik : Einheitsfeier: Pechmarie und Knecht Ruprecht (Kommentar)

Stephan-Andreas Casdorff

Gerhard Schröder im Glück - und Angela Merkel? Sie wird zur Pechmarie. Nicht nur, dass der leidige Fall Kohl einfach kein Ende finden will. Jetzt soll der Altkanzler also mit der Jungvorsitzenden für die CDU die Einheit feiern. Bis es dazu kam, war Merkel schon von Kritik begleitet. Nun aber werden (fast logisch aus der Entwicklung der letzten Wochen und Tage folgend) erstmals öffentlich Zweifel an ihren Führungsqualitäten geäußert. Ausgerechnet von Heiner Geißler! Das hat etwas Bitteres, denn eines kann man ihm ja nicht nachsagen: dass er nicht wüsste, was Führung ist.

Als "geschäftsführender Vorsitzender" hat sich Geißler in seiner langen Generalsekretärszeit in der CDU immer gesehen, und sich dafür auf die Parteisatzung berufen. Damals, als Kohl noch der Kanzler und Parteivorsitzende war. Heute, mit Merkel als der Vorsitzenden, die nicht durch ein anderes Amt gebunden ist, fällt ein Mangel an - inhaltlicher - Führung natürlich doppelt auf. Einmal bei ihr selbst, Angela Merkel, aber auch bei dem, der ihr die Geschäfte zumindest erleichtern soll: beim Generalsekretär Ruprecht Polenz. Und darauf weist Geißler mit seinem Vorwurf eben auch hin. Geißler, der Polenz selbst zu Anfang als geeigneten Amtsinhaber bezeichnet hat.

Nun ist der Generalsekretär Geißler kein Maßstab, nicht mehr. Die Konstruktion der Führung ist heute, in der Opposition, eine andere. Aber Peter Hintze, der Generalsekretär unter Kohl war, ist einer; und, ganz aktuell, Franz Müntefering auf der Gegenseite, der Generalsekretär der SPD. Hintzes eigene Vorstöße waren selten, aber es gab sie, immerhin. Und wenn es nur die "Rote-Socken-Kampagne" ist, die im Gedächtnis bleibt. Er erkundete oft genug für Kohl die öffentliche Stimmung. Müntefering ist immer präsent, mit eigenen Vorstößen, was die Parteiorganisation betrifft, aber auch mit solchen gegen jene, die der SPD schaden könnten, wie jüngst gegen Oskar Lafontaine zum Beispiel. Müntefering - der traut sich was.

Polenz dagegen fällt nicht weiter auf, weder gibt es Aufsehen erregende organisatorische Neuerungen noch inhaltliche, noch zieht er einen Streit von Merkel weg auf sich. Er bleibt damit hinter den Erwartungen zurück. Und so ergibt sich dieses Bild: Polenz ist da, für die Abteilung Politik, aber die Geschäfte organisiert Willi Hausmann, der Bundesgeschäftsführer. Angela Merkel arbeitet weiter wie damals, als Generalsekretärin. Und der Parteichef, der zum Schluss die strittigen Punkte entscheidet, ist - Helmut Kohl. Wenn Schröder weiter so ein Glück hat, bleibt ihm der Fall Kohl bis zum Wahlkampf 2002 erhalten.

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