Politik : Einheitsfeiern: Streit um Kohl überschattet das Fest

Überschattet vom Parteienstreit über Altkanzler Helmut Kohl hat am Dienstag in Dresden die zentrale Feier zum zehnten Jahrestag der deutschen Einheit stattgefunden. Der französische Präsident Jacques Chirac als Festredner würdigte Kohl als europäischen Visionär. Der CDU-Politiker selbst war nicht unter den 1500 Gästen in der Semperoper. Bundespräsident Johannes Rau betonte, Kohls Verdienste um die Einheit könnten durch nichts geschmälert werden. Unterdessen warf die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth dem Altkanzler vor, er habe seinen Namen für immer mit der Wiedervereinigung verbinden wollen.

An dem zentralen Festakt nahm neben Bundeskanzler Gerhard Schröder und mehreren Bundesministern auch ausländische Prominenz teil, darunter US-Außenministerin Madeleine Albright. Chirac sagte über Kohl und die Einheit: "Es bedurfte Mut, um so weit zu gehen, um so rasch voranzuschreiten, um seinem Volk zum richtigen Zeitpunkt diesen ehrgeizigen und schwierigen Weg vorzuschlagen." Es sei dem Altkanzler zu verdanken, dass sich Deutschland noch stärker für die europäische Einigung engagiert habe.

Chirac als derzeitiger EU-Ratspräsident bekräftigte als Ziel der Gemeinschaft die "möglichst rasche Aufnahme unserer osteuropäischen Nachbarn in das große europäische Haus". Chirac versicherte den Beitrittskandidaten: "Die Erweiterung wird kommen, und sie wird gelingen!"

Rau schrieb bei seiner ersten Rede nach seiner Operation den Hauptverdienst für die Einheit den Ostdeutschen zu. Niemand könne sich wirklich die alte DDR zurückwünschen. "Wo es Enttäuschung über die Einheit gibt, da liegt das meist daran, dass wir in Ost und West viele falsche, viele unrealistische Vorstellungen hatten." Aber Selbsttäuschungen dürften nicht der Maßstab für die Zehnjahresbilanz der Einheit sein.

Schröder dankte den osteuropäischen Nachbarn ausdrücklich für ihre Unterstützung der deutschen Einheit. Der Kanzler sagte bei einem Essen zu Ehren der ausländischen Staatsgäste, das "mutige Aufbegehren der Völker in Mittel- und Osteuropa gegen Unfreiheit und Diktatur" habe den Ostdeutschen Beispiel, Inspiration und Kraft gegeben. Er versicherte, nationale Alleingänge, wie sie die deutsche Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten, werde es nie wieder geben. Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, als Bundesratspräsident Ausrichter der Einheitsfeier, forderte faire Verhandlungen über die EU-Erweiterung. Er würdigte den Aufbauwillen der Ostdeutschen und dankte zugleich den Nachbarländern Deutschlands für ihren Beitrag zur Einheit. Der letzte DDR-Regierungschef Lothar de Maizière (CDU) sagte, der "schnelle Weg zur deutschen Einheit" sei ohne jede vernünftige Alternative gewesen.

Bei strahlendem Sonnenschein feierten in Berlin rund 250 000 Menschen den zehnten Jahrestag der Einheit. Die Straßenzüge rund um das Brandenburger Tor und um das Reichstagsgebäude verwandelten sich in eine einzige Festmeile.

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