Einigung nach vier Jahrzehnten : Indien und Bangladesch legen Grenzstreit bei

Sie waren verfeindet. Nun haben Indien und Bangladesch eine Einigung über ihre Enklaven gefunden. 52.000 bisher staatenlose Menschen können nun ihre Heimat wählen.

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Indiens Premier Narendra Modi (r.) und seine Kollegin Sheikh Hasina Wajid.
Indiens Premier Narendra Modi (r.) und seine Kollegin Sheikh Hasina Wajid.Foto: AFP

Neu-Delhi - Von einem „historischen Durchbruch“ und einem „neuen Kapitel“ in den Beziehungen sprachen die Medien. Nach 41-jährigem Ringen haben die südasiatischen Nachbarländer Indien und Bangladesch am Wochenende einen umfangreichen Landtausch vereinbart und damit ihren belastenden Grenzstreit beigelegt. Danach dürfen 52000 bisher faktisch staatenlose Menschen nun wählen, ob sie in Indien oder Bangladesch leben und welche Nationalität sie annehmen wollen. Der Vertrag wurde beim ersten Besuch von Indiens Premierminister Narendra Modi in Dhaka unterzeichnet. Grund für den Grenzdisput ist eine historische Kuriosität, die vor Hunderten von Jahren entstand: Entlang der 4000 Kilometer langen Grenzregion zwischen den beiden Ländern gab es 162 kleine Enklaven, die dem jeweils anderen Land zugerechnet wurden. Delhi überließ nun seine 111 Enklaven Bangladesch, während Indien die 51 Enklaven Bangladeschs bekam. In Enklaven auf beiden Seiten kam es zu Freudenfeiern. Die 52000 betroffenen Menschen lebten unter prekären Verhältnissen, oft ohne Schulen und Grundversorgung, weil sie als Bürger des anderen Landes galten. Selbst Hospitäler wiesen sie zurück. „Über Nacht herrscht ein Gefühl der Freiheit“, sagte der 25-jährige Zainal Ali dem „Indian Express“. „Wir haben im Schatten gelebt, ohne Gefühl der Zugehörigkeit, ohne Staatsbürgerschaft, ohne Versorgung.“ Sein Großvater Asgar Ali hisste die indische Flagge. „Ich habe die Nation meiner Träume bekommen.“ Das Abkommen spiegelt eine deutliche Verbesserung im Verhältnis beider Länder wider. Der Streit um die Enklaven hatte das Verhältnis der Nachbarn seit der Unabhängigkeit belastet. Seit 1974 hatten Delhi und Dhaka um eine Lösung gerungen. „Unsere beiden Nationen haben nun eine geklärte Grenze“, sagte Modi. Er sagte Bangladesch zugleich Kredite in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar zu. Zwei indische Stromkonzerne kündigten Investitionen von fünf Milliarden Dollar in Bangladesch an. Insgesamt unterzeichneten Modi und Bangladeschs Premierministerin Sheikh Hasina 22 Vereinbarungen. Beide Länder wollen den Schmuggel über die Grenze eindämmen und den Handel ausbauen. Feierlich wurden zwei neue Buslinien eröffnet. Sheikh Hasina sicherte zu, schärfer gegen indische Separatisten vorzugehen, die Bangladesch als Zuflucht nutzen und von dort in Indien zuschlagen. Ungeklärte Grenzfragen vergiften seit Jahrzehnten die Beziehungen Indiens zu den Nachbarländern. Während der Streit mit Bangladesch nun beigelegt scheint, schwelen die komplexeren Grenzdispute mit Pakistan und China weiter. Christine Möllhoff

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