Politik : Einigung vor dem Mittagessen

Wie es Kanzlerin Merkel gelang, US-Präsident Bush beim G-8-Treffen zu einem Kompromiss beim Klimaschutz zu bewegen

Angela Merkel schneit mit ihrem grünen Kostüm in den nüchtern-weißen Containersaal im Pressezentrum Heiligendamm wie ein Wesen vom nächsten Stern. Der Effekt ist umso größer, als niemand die Kanzlerin erwartet hat. Von einem Hintergrundgespräch der Delegation war die Rede, Zwischenstände aus mühsamen Verhandlungen waren angekündigt. Statt dessen sitzt plötzlich Merkel vorne am Pult, freut sich diebisch über ihren kleinen Coup und schiebt den großen gleich hinterher: „Ich glaube sagen zu können, dass wir einen großen Erfolg erzielt haben.“

Merkel hat geschafft, was ihr viele nicht zugetraut hatten: Eine Klima-Erklärung der G-8, die mehr ist als ein Minimalkonsens. Die Mächtigen der Welt bekennen sich zur Vorreiter-Rolle im Kampf gegen den Klimawandel. Und sie erklären sogar das EU-Klimaziel – Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad bis 2050 – nicht mehr bloß für spinnerten Ökokram, sondern versprechen, es „ernsthaft zu erwägen“ als Zielmarke für eine weltweite Vereinbarung im Rahmen der Vereinten Nationen.

Die Einigungstexte sind so frisch, dass Merkel aus dem Englischen übersetzt. Am Vormittag hatten die Acht plus EU-Kommissionschef Manuel Barroso zwei Stunden über das Klima-Thema gesprochen – durchaus hart und anfangs auch noch kontrovers, wie Teilnehmer berichten. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt der wesentliche Durchbruch schon einen Tag alt. Beim Mittagessen zu zweit am Mittwoch hatte Merkel von George Bush die Zusage erhalten, dass die Amerikaner einer Einbettung ihrer eigenen Verhandlungsinitiative in den UN-Klimaprozess zustimmen werden. Nicht zufällig sprach der Präsident danach zum ersten Mal von einem „Nach-Kyoto-Prozess“, also einer Nachfolgeregelung für jenes Klimaschutzabkommen, das die USA nie unterzeichnet haben. Bush wusste freilich auch, dass das Merkel noch nicht genügte. „Aber die Klammer-Zusätze streich’ ich nicht“, hatte die Kanzlerin gesagt – in Klammern stehen in Verhandlungspapieren die strittigen Passagen.

Die Nacht hindurch feilten Unterhändler an Formulierungen. Bush wurde vom britischen Premier Tony Blair und von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy noch einmal im Merkelsch-europäischen Sinn bearbeitet. Der Bund der Europäer funktionierte auch am Donnerstagvormittag in der Neuner-Runde – so gut, dass die Kanzlerin die Zeit reif fand für einen Abschluss. In der guten Stunde, in der die Staats- und Regierungschefs mit Jugendlichen diskutierten, einigten sich die Experten auf einen Text. Zum Mittagessen nickten die Chefs ab. Später sitzt Merkel mit Bush, Blair und Italiens Regierungschef Romano Prodi auf der Terrasse des Konferenzhotels in der Abendsonne. Die Herren trinken Bier. Merkel nimmt ein Glas Champagner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben