Politik : Einsames Paradies

Die Welle traf Khao Lak besonders hart. Nun gibt es so viele neue Hotels wie kaum anderswo. Doch Touristen fehlen – und Personal

Ingrid Müller[Khao Lak]

Die Sonne hat es noch nicht über die Berge geschafft, die Bäume entlassen langsam den Dunst der Nacht aus ihren Kronen. Zartes Rosa umspielt kleine Wolken am Horizont, zwei Männer suchen angespülte Muscheln im Sand. In ein paar Minuten wird Sonne die Palmen am kilometerlangen Strand durchfluten – frühmorgendliche Idylle am Nang Thong Beach in Khao Lak, einem der am stärksten vom Tsunami heimgesuchten Küstenabschnitte in Thailands Süden. Tausende Menschen – Einheimische und Touristen – starben hier, Zehntausende wurden obdachlos, verloren ihre Angehörigen, ihre Häuser, ihre Boote, ihre Netze, als am 26. Dezember 2004 die Riesenwellen über sie hereinbrachen.

Doch das, was fehlt, sieht man nicht.

Den ersten Schritt ins Wasser begleitet auch zwei Jahre nach der Katastrophe ein den Brustkorb zuschnürendes Gefühl. Sind die Wellen, die sich groß und glatt wie eine Mauer aufbauen, nicht verdammt hoch? Zerrt da nicht das von den Regengüssen der vergangenen Tage aufgewühlte Wasser allzu stark Richtung Horizont? Die Bilder der zahllosen Leichen, der zerstörten Häuser, der kilometerweit ins Land gespülten Boote lassen sich nur schwer aus der Erinnerung löschen.

Genau das macht den Überlebenden schwer zu schaffen. Nach der Katastrophe haben sie sich gegenseitig geholfen, wo es nur ging – jetzt herrscht hinter den Hoteltüren ein „stiller Krieg“. So jedenfalls nennt die schwedische Managerin der Ayara-Villas-Bungalowanlage den erbitterten Wettkampf um die wenigen qualifizierten Mitarbeiter. Die können nun dreimal so viel verdienen wie vor der Todeswelle. „Die großen Hotels können das bezahlen, wir nicht“, sagt Aime Yodkaew. Ähnlich hart wird um die Touristen geworben. „Sie müssen nur die Hälfte bezahlen“, flötet verführerisch der Chef des luxuriösen Khao Lak Seaview Resort, wenn sich zu Beginn der Hochsaison jemand in die imposante Eingangshalle verirrt. Würden doch endlich ein paar Menschen in den beiden riesigen, in edlem Dunkelblau gekachelten Pools ihre Runden drehen. Die Liegestühle am goldbeigen Strand sind fast alle leer.

Aime Yodkaew versucht, mit einem starken Kaffee die Müdigkeit zu vertreiben. Dann fährt sie fast verzweifelt mit der Hand in die Höhe. „Ich würde am liebsten ein Messer nehmen und mich teilen“, schneidet sie die Luft, „nicht einmal, nicht zweimal, zehnmal.“ Die resolute Managerin der Bungalowanlage am Bang Niang Beach ist derzeit Mädchen für alles. Um halb vier früh war sie im Bett, um sechs hatte ein Gast ein Problem – da musste sie wieder raus. „Kaum einer vom Personal versteht Englisch oder etwas vom Service“, klagt die drahtige Schwedin. Die meisten, die früher in Khao Lak gearbeitet haben, sind in der Welle umgekommen – oder in der schlechten Saison vergangenes Jahr nach Bangkok gegangen oder nach Koh Samui.

So ein schöner Ort. Unberührter Strand. So viele neue, edle Hotels. So viel Hoffnung. So viele Rückschläge.

„Wir können unseren Leuten 6000 bis 8000 Bath (130 bis 175 Euro) zahlen, aber sie verlangen 15 000 (330 Euro), sagt Aime Yodkaew, die beim Tsunami ihre Surf- und Katamaranschule verlor, die sie und ihr thailändischer Mann eine gute Autostunde entfernt in Phuket hatten. „Ich kann gar niemand einen Vorwurf machen, sie unterstützen ja ihre Familien.“ Kürzlich hat sie eine Rezeptionistin gefunden. Die blieb nur einen Tag. Ein Stück weiter haben sie ihr mehr geboten. Sie konnte Englisch, das können nicht so viele, die sich bewerben.

So schönes Wetter. So freundliche Menschen. So viel zu tun.

Am liebsten würde Aime Yodkaew ihre Mitarbeiter abwechselnd in einen Englischkurs schicken. „Aber in der Zeit müssten die anderen von sieben bis elf durcharbeiten. Das will keiner.“ Die Schwedin hat sich vorgenommen, diese Saison durchzuhalten und ihre Mitarbeiter in der Regenzeit selbst zu schulen.

Personal an den Todesstrand zu locken, ist nicht so einfach. Manche Hotelbesitzer sind eigens in den Norden gefahren. Aber viele sagten: Ihr hattet einen Tsunami, da soll ich arbeiten? „Die kennen nur die Katastrophenbilder, sie waren zu weit weg, um das Gute, die Hilfe untereinander erlebt zu haben. Wir hier sind wieder stark“, sagt die Schwedin.

Viele Einheimische meiden bis heute den Strand. Er gehöre den Seelen der Verstorbenen, sie seien noch böse, weil viele Leichen nicht beerdigt werden konnten, glauben sie, deshalb brauchten sie noch Ruhe. In der Nähe des Wassers zu wohnen, ist für viele der mit Geistern so vertrauten Thai unvorstellbar. Für Touristen offenbar auch.

„Wir haben viele Elefanten, aber kaum Gäste“, blickt die junge Rezeptionistin des Seaview Resort auf die zahllosen wasserspeienden Urwaldriesen, die die leeren Pools säumen. Die zierliche Varaporn Tungkasiri ist eine von denen, die in Bangkok angeheuert wurden. Ihr Chef Kiat Sriprasom rechnet nicht damit, dass sich im Lauf dieser Saison das Blatt schon wendet. Der rundliche Herr über 200 Räume, der auch Vize-Chef des Touristenverbandes ist, glaubt an eine kurze Saison: Dezember und Januar. Sein First-Class-Haus, in dem die Gäste der Garten-Villen in privaten Pools baden, hat es in viele deutsche Kataloge nicht geschafft, „weil sie nicht geglaubt haben, dass wir fertig werden“, sagt Manager Sriprasom. Vielleicht hat der eine oder andere Veranstalter aber auch Angst gehabt, die Gäste könnten sich über Baulärm beschweren und Geld zurückverlangen. Denn noch hämmert und nagelt es an allen Ecken in dem einst bei Deutschen und Skandinaviern so beliebten Khao Lak. 3000 Zimmer sind im Angebot, vor der Katastrophe gab es 7000.

Den Tsunami würden sie am liebsten so schnell wie möglich vergessen. Am Strand erinnern nur an einem einzigen Baum Bilder, Blumen und Briefe an die Tragödie – von der Gedenkfeier vor einem Jahr. Wenn es nicht pietätlos wäre, mancher hätte den Baum wohl gern umgehauen. Nur das zwei Kilometer ins Landesinnere gespülte Polizeiboot ist eine Art Mahnmal, das graue Ungetüm hat niemand dort wegschaffen können. In den meisten Hotels findet sich kein Hinweis auf die Flutwelle. An den Straßen sind Schilder zu sehen – meist mit einer großen Welle und einem kleinen flüchtenden Männchen: „Evacuation Route“. Wer ihnen folgen will, muss im Fall der Fälle allerdings eiserne Nerven bewahren. In Nang Thong führt der Weg ein ganzes Stück parallel zum Strand, bevor er Richtung Hauptstraße ins Landesinnere abbiegt – und neben fast jedem Schild steht eine Art blauer Grenzpfahl: Am 26. Dezember 2004 war die Welle hier fünf Meter hoch.

Die rot-weißen Aussichtstürme am Strand, einst als pragmatische thailändische Antwort zur Vorbeugung gepriesen, rosten einsam vor sich hin. „Da oben hat seit einem Jahr keiner mehr gesessen“, zeigt der Elektriker Itthinant Arunkasadsri auf den Ausguck. Ein Stück weiter ragen Sendemasten in den Himmel. Gibt es von Bangkok oder Phuket eine Tsunami-Warnung, soll von dort das Warnsignal ertönen. Darüber, dass aus einem der Türme zwischendurch schon jemand die Elektrik geklaut hatte, möchte keiner zu laut reden. Im Sommer gab es eine Tsunami-Übung. „Aber da hat jemand einen Tag früher auf den Alarmknopf gedrückt. Ein heilloses Chaos, jede Menge Unfälle“, erzählt der Berliner Olaf Schomber, der seit Jahren Touren in die Umgebung anbietet. Er vertraut ohnehin auf die Statistik. Danach dürfte es in Khao Lak so bald keinen Tsunami mehr geben. Am Strand ist derweil eine junge Bay-Watch-Crew unterwegs: Drei Navy-Soldaten patrouillieren in leuchtend orangen Rollkragenpullis und knappen blauen Shorts. Mal per Boot, mal zu Fuß. Auch sie weitgehend ohne Englischkenntnisse.

Die Touristen, die kommen, genießen es, umsorgt zu werden. Frank Roolfing (35) und Ines Tibbe (30) aus der Grafschaft Bentheim haben sich im Suwan Palm Resort ihren Traum erfüllt — eine Hochzeit unter Palmen, Manager Sam hat von der reich verzierten Torte bis zur buddhistischen Zeremonie alles in Weiß-Rosa-Gold arrangiert. Bernhild und Fred Wiese aus Berlin-Charlottenburg, Stammgäste in Khao Lak, reisen diesmal mit Lampenfieber. Nicht wegen des Putschs in Bangkok vor ein paar Wochen. Der lässt sie ungerührt. Sie sollen ihr Patenkind kennenlernen, das sie seit dem Tsunami finanziell unterstützen.

Am Abend liegt Khao Lak sehr friedlich da, vor den Läden an der Hauptstraße schlendern nur wenige Menschen entlang. Der Mond liegt hier auf dem Rücken und versinkt gegen Mitternacht am Horizont im Meer. Auf dem Wasser bleiben tanzende Lichter, als habe sich seit Sonnenuntergang eine Stadt aus den Fluten erhoben. Es sind die Fischtrawler, die weit draußen mit wattstarken Birnen einen dicken Fang anlocken wollen. Wetterleuchten zuckt über den Himmel, Wellen schlagen sacht an Land. Das Meer ist noch da. Ein beruhigendes Gefühl.

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