Einstige Heimkinder : "Keine Opfer zweiter Klasse"

Viele einstige Heimkinder fühlen sich in der Missbrauchsdebatte ausgegrenzt.

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Ginge es nach Monika Tschapek-Güntner, sie ist Vorsitzende des Verbandes ehemaliger Heimkinder, kann man die Sitzung des Runden Tisches Heimerziehung getrost absagen. Das Gremium tagt an diesem Donnerstag zum siebten Mal. Es wurde vom Bundestag eingesetzt, um die Berichte ehemaliger Heimkinder über Demütigung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen in den Kinder- und Fürsorgeheimen in Nachkriegsdeutschland aufzuarbeiten. Dabei sollte es um rechtliche Verantwortlichkeiten gehen, auch die Möglichkeit der Entschädigung der Betroffenen sollte geklärt werden. Moderiert wird die Runde, der neben drei Betroffenen auch Vertreter der Kirchen, der Heimträger und der Jugendhilfe angehören, von der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer.

„Eine Alibiveranstaltung, bei der es nur darum geht, die Gewalt, die den Kindern angetan wurde, kleinzureden“, sagt Tschapek-Güntner. Die bisherigen Ergebnisse seien für die Betroffenen enttäuschend. Niemand glaube mehr daran, dass es eine angemessene Entschädigung für erlittenes Unrecht geben könnte. Die aktuelle Diskussion um die sexuelle Gewalt in Schulen erleben die einstigen Heimkinder als demütigend, denn sie mache ihren Stellenwert in der Gesellschaft deutlich: Seit Jahren, so Tschapek-Güntner, sei bekannt, dass es in den Kinder- und Fürsorgeheimen auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. Auch als im Januar der Zwischenbericht des Runden Tisches öffentlich vorgestellt wurde, sei diese sexuelle Gewalt in den Heimen wieder ein Thema gewesen. Das Thema habe Politik und Öffentlichkeit aber erst interessiert, als wenige Tage später die Fälle in den Eliteschulen ans Licht kamen. „Wir sind letztlich die Schmuddelkinder geblieben.“ Tschapek-Güntner fordert nun eine Zusammenlegung des Runden Tisches Heimerziehung mit dem Runden Tisch, der sich in der kommenden Woche zum sexuellen Missbrauch konstituieren soll: „Es hat keinen Sinn, ein und dasselbe Thema an verschiedenen Tischen zu diskutieren.“

Die SPD-Politikerin Marlene Rupprecht, die am Runden Tisch sitzt, sieht das anders: Die juristische Situation in den Kinderheimen sei mit der in den Internaten nicht vergleichbar, schon deshalb verbiete es sich, gemeinsam zu tagen. „Der Runde Tisch Heimerziehung hat konkrete Arbeitsaufträge, die gilt es abzuarbeiten.“ Dazu gehörten neben der Entschädigung auch rentenrechtliche Fragen. Dass sich die Heimkinder ausgegrenzt fühlen, kann die Sozialdemokratin aber gut verstehen: „Anders als die Betroffenen aus den Internaten haben sie viele Jahre um ihre Anerkennung als Opfer kämpfen müssen.“ Sie warnt davor, mit zweierlei Maß zu messen: „Wir müssen da aufpassen. Es darf keine Opfer zweiter Klasse geben.“

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