Einwanderung in den USA : Barack Obama: Ein Ideal für alle Amerikaner

„Sind wir ein Land, in dem Arbeiter unser Obst pflücken, die nie die Chance bekommen, mit dem Gesetz in Einklang zu kommen?“, fragt US-Präsident Barack Obama in Washington seine Nation. Mit dem Satz erreicht er nicht nur die Millionen illegaler Einwanderer. Ein Kommentar.

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US-Präsident Barack Obama.
US-Präsident Barack Obama.Foto: AFP

„That all of us are created equal“. Vielleicht hätten die US-amerikanischen Demokraten den Senat nicht verloren, hätte Barack Obama diesen zentralen Satz des amerikanischen Selbstverständnisses, die Gründungsurkunde der amerikanischen Unabhängigkeit schon früher zitiert. „Was uns zu Amerikanern macht, ist unsere gemeinsame Hingabe an ein Ideal - dass wir alle gleich geschaffen sind“, sagte der 44. US-Präsident in Washington in der Nacht zu Freitag seinem Volk. Hoch gegriffen im rhetorischen Arsenal. Doch die Herzen der Millionen Illegalen im Land zumindest hat Obama damit sicher gewonnen. Im Gegensatz zu seinen demokratischen Kollegen, die viele Latino-Stimmen verloren hatten.
Was Obama in seiner Rede angekündigt hat, ist keine umfassende Einwanderungsreform. Dennoch bedeuten seine Anordnungen für viele Millionen Einwanderer aus Süd- oder Mittelamerika de facto einen mehrjährigen Abschiebestopp und die Chance, sich später hoffentlich doch noch eine legale Existenz aufbauen zu können.
Mit dieser Rede ist Obama wieder bei sich selbst angekommen. Wie befreit agiert der angezählte Präsident nach den Niederlagen der Halbzeit-Wahlen vor zwei Wochen. Politische Rücksichtnahmen, so scheint es, liegen erst einmal hinter ihm. Die Präsidentschaftswahl ist noch lang genug entfernt. Und Gleichheit ist die Überschrift, die über Obamas politischer Agenda stehen müsste, eigentlich von Anfang an. Er wirbt für gleiche Entlohnung, er bekennt sich offensiv zu Homo-Ehe und Minderheitenrechten. Leidenschaftlich agitiert er junge schwarze Männer, sich auf den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu machen. Er hätte sich nicht einreden lassen sollen, ausgerechnet bei der Einwanderungsfrage taktisch zurückstehen zu müssen.

Barack Obama ist für einen Moment wieder zu einem großen Politiker geworden


Nicht nur, weil es ohnehin nichts gebracht hat, im Gegenteil. Nicht nur, weil die Einwanderungsfrage gelöst werden muss, so oder so. Nein auch, weil Obama nichts Anderes als Obama kann. Wenn der amtierende US-Präsident nicht sich selbst schauspielert, dann wirkt er hölzern, fremdgesteuert und unnahbar.  Er führt die Welt, lässt Angriffe in Syrien fliegen und dealt um das iranische Atomprogramm. Überzeugend geht anders. Obama kann nur gewinnen, wenn er das tut, wofür er Leidenschaft aufbringt. Ob ihn das als guten Präsidenten ausweist?
In der Nacht zu Freitag zumindest ist Obama für einen Moment wieder zu einem großen Politiker geworden. „Wir müssen uns daran erinnern, dass diese Debatte von etwas Größerem handelt“, sagte Obama in der Nacht. Sie handele davon, wer Amerika sei. „Sind wir ein Land, dass die Scheinheiligkeit eines Systems duldet, in dem Arbeiter unser Obst pflücken und unsere Betten machen, die nie die Chance bekommen, mit dem Gesetz in Einklang zu kommen?“, fragte der Präsident in Washington seine Nation. Mit dem Satz erreichte er gewiss nicht nur die Millionen, die in den Häusern der Wohlhabenderen sauber machen, Wände streichen oder drum herum die Gärten pflegen. Auch die Herzen der liberalen Bewohner dieser Häuser - mit ihrem ebenso sozialen wie schlechten Gewissen - müssen ihm zugeflogen sein. Insbesondere da dieser neue-alte Obama auch tatsächlich Handeln verspricht.
Wenn der Obama der Einwanderungsrede ein Vorgeschmack auf die letzten beiden Jahre seiner Amtszeit gewesen sein sollte, dann besteht vielleicht Hoffnung darauf, dass wieder etwas von dem energischen, zielbewußten Politiker zum Vorschein kommt. Dann könnte diese Lame-Duck-Session sich doch noch als interessanter erweisen, als bislang angenommen.


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