Politik : Einwanderungs-Debatte: Anschluss sichern

Thomas Kröter

Es war eine Überraschung, die Bundeskanzler Gerhard Schröder im Frühjahr, passgerecht bei der Eröffnung der Computer-Messe Cebit in Hannover, lanciert hat: Deutschland hat zu wenig Experten in dieser Zukunftsbranche. Deshalb sollen ausländische Experten die Lücke schließen. Nach dem Vorbild der US-Einwanderungsregelung sollen sie eine Green Card erhalten. Allerdings befristet und unter bestimmten Voraussetzungen. Heute ist es so weit. Arbeitsminister Walter Riester wird dem indonesischen Informatiker Harianto Wijaya am Sitz der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg die erste Green Card aushändigen.

Nach einem ersten Überblick der Bundesanstalt haben sich bereits 18 000 Informatiker aus aller Welt über die deutsche Regelung informiert. Die meisten - wie es sich gehört - im Internet. Der zentralen Vermittlungsstelle in Bonn liegen allerdings erst 5000 Bewerbungen von Spezialisten aus 100 Ländern vor. Ihn stehen derzeit im Internet nur 400 einschlägige Stellenangebote deutscher Firmen gegenüber.

Ist die ganze Debatte also überflüssig gewesen? Keine voreiligen Schlüsse, warnt Helmut Westkamp, Leiter der Vermittlungsstelle. Man müsse die Entwicklung der nächsten Wochen abwarten, um eine Einschätzung abgeben zu können. Viele Firmen wollten offenbar der Konkurrenz die ersten Erfahrungen überlassen. Große Konzerne suchen außerdem ihre Spezialisten direkt über ihre ausländischen Vertretungen.

In der Politik hat sich die Einschätzung der Initiative zum Positiven verändert. Der nordrhein-westfälische CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers hatte mit dem Slogan "Kinder statt Inder" dagegen Stimmung gemacht. Inzwischen hat der Vorsitzende der christdemokratischen Schwester Partei CSU in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident in München Gerhard Schröder bereits überholt. Unter dem Namen "Red Card" läuft Edmund Stoibers Aktion, die Unternehmen nicht nur Computer- sondern auch andere Spezialisten aus Nicht-EU-Staaten verschaffen soll.

Rüttgers hat es mit seinem Slogan nicht geschafft, Regierungschef in Düsseldorf zu werden. Das von ihm angesprochene Problem wird aber weiter diskutiert: Außer der Anwerbung ausländischer Fachleute ist die Verbesserung und Verbreiterung der Ausbildung im Inland nötig, um die nach Angaben der Industrie rund 75 000 offenen Stellen für Informatiker zu besetzen. Reinhard Jagoda, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, fordert die Wirtschaft zur Verstärkung ihrer Ausbildungsanstrengungen auf. Einig ist er sich mit dem Bundeskanzler, dass die Green-Card-Initiative vor allem helfen soll, Zeit für die heimische Ausbildung zu schaffen.

Deshalb ist die Regelung auf fünf Jahre befristet. Zunächst sollen 10 000 Spezialisten kommen. Wenn das nicht reicht, dürfen höchstens 10 000 weitere IT-Spezialisten kommen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung warnt nach Auswertung amerikanischer Erfahrungen vor der Illusion, die Spezialisten gingen nach fünf Jahren wieder. Es sei "nichts dauerhafter", heißt es in einer Studie, "als ein befristet zugewanderter Arbeitnehmer".

Von den in Deutschland pro Jahr ausgebildeten 6000 bis 7000 Informatikern geht ein Drittel in andere Brachen, "weil ihnen dort die Arbeitsbedingungen anscheinend mehr zusagen", vermutet Jagoda. Der Mangel an Fachkräften könne, wie in anderen Branchen, auch ein "Anspruchsproblem" der Firmen sein. Sie stellten zu hohe Anforderungen und wollten sich nicht mit den vorhandenen Bewerbern zufrieden geben, vor allem nicht den älteren. Dies wird aus der Branche bestätigt. Jemand, der vor 20 Jahren mit veralteter Technik gearbeitet habe, sei "kein gefragter" Spezialist mehr, heißt es etwa beim Nürnberger Unternehmen Datev. Das die ausländischen Spezialisten in ausreichender Zahl kommen, hängt allerdings nicht nur von Ansprüchen und Arbeitsbedingungen in der deutschen Industrie ab. Helmut Westkamp von der Anwerbestelle vermutet, dass viele Bewerber überlegten, nach USA oder Großbritannien zu geben - aus Angst vor ausländerfeindlicher Stimmung in Deutschland.

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