Politik : Einwanderungs-Debatte: Italien sucht händeringend Immigranten

Noch vor 25 Jahren wanderten Italiener auf der Suche nach Arbeit in Massen aus. Heute wollen Italiens Industrielle Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben, um ihre Produktivität halten zu können. Um den Zustrom an Immigranten zu regeln, hat die Regierung für dieses Jahr eine Obergrenze von 63 000 Aufenthaltsgenehmigungen gesetzt. Schon nach rund einem halben Jahr wurde die Quote in diesen Tagen ausgeschöpft. Die Industrie benötige noch etwa 40 000 weitere Arbeitskräfte, fand das Wirtschaftsministerium bei einer neuen Umfrage heraus.

Parallel zum Gastarbeiterstrom aus Osteuropa, Afrika und Asien erreicht eine wachsende Zahl an so genannten illegalen Einwanderern Italien - vor allem über schlecht zu kontrollierende Küsten. Ein Teil von ihnen reist nach kurzer Zeit weiter nach Nordeuropa, die übrigen finden unter oft ausbeuterischen Bedingungen Jobs im Bauwesen und im Gaststättengewerbe. Niemand weiß genau, wie groß der Anteil derjenigen ist, die sich in wachsendem Maße mit kriminellen Mitteln ihren Unterhalt verdienen.

Wie in anderen mitteleuropäischen Ländern verhält sich die einheimische Bevölkerung dem wachsenden Ausländeranteil gegenüber mit Befremden. Drei Viertel der Italiener sieht Verbrecher in den Einwanderern, die nicht aus der Europäischen Union stammen. Nach Angaben des Innenministeriums stieg die Beteiligung von Immigranten an der Kriminalitätsrate in den vergangenen zehn Jahren drastisch. Vor allem bei Drogenhandel, Prostitution, Diebstahl und Schmuggel mischen den Behörden zufolge illegale Einwanderer mit. In Mailand werden mittlerweile 60 Prozent der Diebstähle von Ausländern begangen. Zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen unterscheiden die Italiener nicht.

Noch in den 70er Jahren diente Italien selbst als Gastarbeiterreservoir. Deutschland warb neben türkischen Arbeitskräften auch viele Italiener vor allem aus dem verarmten Süden an. Die Industrialisierung vor allem in Italiens Norden bremste erst zum Ende der 70er Jahre den Auswanderungsfluss. Moderne Familienplanung ließ die Kinderzahl und damit das Bevölkerungswachstum sinken.

Diejenigen Italiener, die einst als Analphabeten emigrierten und bis heute im Ausland arbeiten, sind sozial aufgestiegen. Nun besteht die unterste Schicht auf dem italienischen Arbeitsmarkt selbst aus Einwanderern. Sie stellen kaum Forderungen und bleiben zumeist nur für einen begrenzten Zeitraum. Deshalb herrscht im industrialisierten Norden des Landes Nachfrage nach Gastarbeitern und im armen Süden hohe Arbeitslosigkeit.

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