Politik : Einwanderungspolitik: Papst Johannes Paul II. sieht wirtschaftliche Not als Aufnahmegrund

Werner Raith

Ein "Kunterbunt der Ethnien, Kulturen, Religionen" hatten die Organisatoren in Sankt Peter angekündigt, "eine einige Versammlung von Menschen mit ähnlichen, traurigen Schicksalen". Der Papst "werde ihnen nicht nur Trost und Mitgefühl spenden", sondern auch jene, "die die Macht und den Reichtum dazu haben, um mehr Großzügigkeit bitten": Zum "Heiligen Jahr der Immigranten" sind seit dem 1. Juni mehrere Zehntausend Zuwanderer aus aller Welt in Rom zusammengekommen.

In aller Friedlichkeit hatte die Veranstaltung am Donnerstag mit Treffen diverser Immigrantengruppen begonnen. Die Polizei hatte sich bemüßigt gesehen, eine Gruppe von mehr als tausend Immigranten "zu isolieren", die Spruchbänder mit Forderungen wie "Freizügigkeit der Zuwanderung nach Europa", und "Sanierung der Illegalen - sofort" mit sich getragen und entsprechende Sprechchöre skandiert hatte.

Die Polizei begründete ihr Vorgehen mit möglichen Behinderungen für den Zugang zum Petersplatz für diejenigen, die eine Eintrittskarte hatten. Als sich die Ordnungskräfte dann daran machten, einzelne Demonstranten zwecks erkennungsdienstlicher Überprüfung festzunehmen, schritten Beamte des Vatikan ein. Eine Delegation von gut einem Dutzend Personen wurde schließlich in den Vatikan hinein gebeten, wo sie ihr Anliegen einem Mitglied der Kommission für Migrationsfragen vortragen durften und die Zusicherung bekamen, dass der Papst sich um diese Probleme besonders kümmern werde. Inzwischen hatte offenbar die Polizei ebenfalls Order für ein behutsameres Vorgehen erhalten und unterließ alle Personalienüberprüfungen - so wie es eigentlich im Vorfeld auch zwischen dem Heiligen Stuhl und den römischen Behörden abgesprochen war, um auch jenen die Teilnahme an der Audienz zu ermöglichen, die nicht mit einer regulären Aufenthaltsgenehmigung aufwarten konnten.

Auf dem Petersplatz richtete derweil der Papst seinen Appell an alle entwickelten Staaten, insbesondere die Europas und dabei wiederum besonders an Italien: Wer reich sei, habe die Pflicht, den Armen und jenen, die auf der Flucht vor Armut und Verfolgung sind, Hilfe und Auskommen zu gewähren. Wieder einmal wurde dabei deutlich, dass der Vatikan sich ganz besonders darum bemüht, die in vielen Staaten vor allem auf politisches Asyl zugeschnittene Aufnahmebereitschaft in ein allgemeines Einwanderungsrecht umzuwandeln, das auch unter wirtschaftlicher Not leidende Menschen wahrnehmen können.

Dabei verhehlte er nicht die Schwierigkeiten, die "eine Integration von Menschen unterschiedlichster Kultur in hoch komplexe Gesellschaften wie die westlichen" mit sich bringen kann. "Aber angesichts des christlichen Gebots der Nächstenliebe" müsse die Hilfe für Menschen, die vom Hunger bedroht sind, unbedingten Vorrang haben.

Und da er schon einmal dabei war, schob er auch noch gleich einen Riegel der in letzter Zeit immer deutlicher werdenden Tendenz vor, Einwanderungspässe nur nach dem Gesichtspunkt der "Nützlichkeit" für das aufnehmende Land auszustellen. "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, hat der Herr gesagt." Dies verbiete jede Art von Aussonderung, betonte der Papst: "Christsein und Rassismus schließen einander aus."

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