Einziges Atommüllendlager : Die Folgen des Verzugs bei Schacht Konrad

Beim Bau des Atommüllendlagers Schacht Konrad in Salzgitter gibt es offenbar erhebliche Verzögerungen. Statt wie geplant 2014 kann die Einlagerung von radioaktiven Abfällen erst 2019 beginnen.

Reimar Paul

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Bauherr bestätigte gestern, dass die beauftragte Baufirma DBE 2019 als Zeitpunkt für die Fertigstellung genannt hat.

Was ist überhaupt Schacht Konrad?

Es ist eine aufgegebene Eisenerzgrube in Salzgitter. Sie wurde nach dem früheren Reichstagsabgeordneten der rechtsnationalen DNVP und Vorstandsvorsitzenden der Salzgitter AG, Konrad Ende, benannt. Das Bergwerk war nur anderthalb Jahrzehnte in Betrieb, Anfang der 1970er Jahre wurde es wegen Unrentabilität geschlossen. Der Bund erwarb die Grube und ließ sie von 1975 an als mögliche Lagerstätte für radioaktive Abfälle untersuchen. 1982 stellte das BfS beim Land Niedersachsen einen Genehmigungsantrag. Rund 300 000 Bürger erhoben dagegen erfolglos Einwendungen. Die Genehmigung wurde 2002 erteilt. Gerichte wiesen Klagen von Anwohnern und Kommunen ab. In letzter Instanz gab das Bundesverwaltungsgericht 2007 grünes Licht für den Bau. Eine noch anhängige Beschwerde beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof hat keine aufschiebende Wirkung. Konrad ist das einzige Endlager in Deutschland, das nach dem Atomrecht genehmigt wurde. Derzeit kostet der Umbau der Grube rund 1,6 Milliarden Euro.

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Um was für Abfälle geht es?

Schacht Konrad darf laut Genehmigungsbescheid bis zu 303 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Atommüll aufnehmen. Ein großer Teil davon stammt aus Atomkraftwerken – kontaminierte Schutzkleidung, Arbeitsmaterial, Teile aus dem Abriss von Meilern. Der Rest kommt aus Forschungszentren, Instituten und Krankenhäusern. Möglicherweise muss Schacht Konrad auch Abfälle aus dem havarierten Atommülllager Asse aufnehmen. In diesem Fall wäre ein neues Genehmigungsverfahren erforderlich. Hochradioaktiver Müll wie abgebrannte Brennstäbe aus Atomkraftwerken oder Abfälle aus der Wiederaufarbeitung dürfen nicht ins Endlager Konrad.

Wie soll die Einlagerung erfolgen?

Die Abfälle sollen nach BfS-Angaben in 800 bis 1300 Metern Tiefe gelagert werden. Nach der Einlagerung werden die Kammern mit Spezialbeton fest verschlossen. Eine spätere Rückholung ist damit ausgeschlossen. Radioaktive Stoffe können laut BfS frühestens nach 320 000 Jahren an die Erdoberfläche gelangen, der größte Teil der Nuklide sei dann zerfallen.

Warum verzögert sich die Fertigstellung?

Nach BfS-Angaben gab es von 1990 bis Mitte 2007 politische Vorgaben der Bundesregierungen, die Planungsunterlagen für Konrad dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik anzupassen. Es habe die Befürchtung bestanden, dass Änderungen an den Verfahrensunterlagen die Genehmigung gefährden könnten. Der Sprecher der atomkraftkritischen Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad, Peter Dickel, sagte gestern, die zeitlichen Verzögerungen beim Bau des Endlagers seien „schon lange“ abzusehen gewesen. Es sei bekannt, dass es bei der Planung und beim Bau „viele technische“ Probleme gebe.

Wie viele Endlagerstandorte gibt es in Deutschland?

Vier. Neben Schacht Konrad sind das Asse, Morsleben und Gorleben. Asse war offiziell ein Versuchsendlager, in dem die Einlagerung von Atommüll in Salz geprobt werden sollte. Zwischen 1967 und 1978 wurden rund 125 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll in das Bergwerk bei Wolfenbüttel gekippt. Aber auch Plutonium und Pflanzengifte lagern dort. Die Grube droht einzustürzen und voll Wasser zu laufen. Das BfS will die Abfälle bergen.

Morsleben in Sachsen-Anhalt war das Atommüllendlager der DDR. Es fiel 1990 an die Bundesregierung. Auf die bis dahin eingelagerten 15 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Atommülls packte man weitere rund 22 000 Kubikmeter. In den vergangenen Jahren sind mehrfach tonnenschwere Zwischendecken abgebrochen. Das BfS versucht, die Hohlräume zu stabilisieren.

Der Salzstock Gorleben wird seit Ende der 70er Jahre als mögliches Endlager für hochradioaktiven Müll erkundet. 1983 startete die Bundesregierung die untertägige Erkundung. Rot-Grün unterbrach die Arbeiten im Jahr 2000, im Oktober sollen sie wieder aufgenommen werden. Die Hintergründe der Standortbenennung versucht derzeit ein Untersuchungsausschuss des Bundestages aufzuklären.

Wie viel Atommüll gibt es überhaupt in Deutschland?

Beim Atommüll wird zwischen schwach- und mittelradioaktiven Abfällen auf der einen und hochradioaktiven Abfällen auf der anderen Seite unterschieden. Abgesehen von den in Asse und Morsleben eingelagerten Abfällen, waren bis Ende 2008 in Deutschland knapp 122 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Müll vorhanden. Bis dahin hatte sich die Menge jedes Jahr um etwa 4250 Kubikmeter erhöht. Diese Abfälle werden in Zwischenlagern, Landessammelstellen, Forschungsinstituten oder an Akw-Standorten aufbewahrt. In den kommerziellen Atomkraftwerken sind bislang rund 12 000 Tonnen hochaktive Abfälle angefallen. Wäre es beim geplanten Ausstieg geblieben, hätte sich die Menge des stark strahlenden Mülls aus Akw nach Angaben des BfS auf etwa 17 200 Tonnen erhöht. Durch die verlängerten Akw-Laufzeiten kommen noch einmal 4000 bis 6000 Tonnen dazu.

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