Ein Zwischenruf zum Katholikentag : Die Sache mit dem Schal

Der grüne Schal beim Katholikentag in Leipzig gehört zur Tradition. Er ist Erkennungszeichen - aber diesmal auch ein Unterscheidungsmerkmal. Ein Kommentar

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Es grünt so grün, v. l. n. r.: Christian Wulff, Bundespräsident a.D., Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen, Bundespräsident Joachim Gauck und Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Es grünt so grün, v. l. n. r.: Christian Wulff, Bundespräsident a.D., Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen,...Foto: dpa

Die Christen tragen Schal. Wer sich in den vergangenen Tagen in Leipzig einen froschgrünen Schal umlegte, gehörte zum Katholikentags-Publikum. Das ist fröhliche Tradition bei den christlichen Laien. Alle paar Jahre wollen sie das Gefühl haben, gesellschaftliche Mehrheit zu sein. Diesmal, in Leipzig, ist der Schal aber nicht nur ein Erkennungszeichen. Er ist auch ein Unterscheidungsmerkmal.

Leipzig ist eine ungläubige Stadt. Kaum zwanzig Prozent der Bürger gehören einer Kirche an, nur vier Prozent sind Katholiken. Die Leipziger leben eigentlich gut damit, keinen Schal zu tragen. Nur, dass der Schal jetzt mehr sein will als bloßes Zeichen: Er steht auch für Flüchtlingsfreundlichkeit, nachhaltiges Leben, den Willen, dem Gemeinwohl zu nützen, den Armen beizustehen.

Es sind die mehrheitlich muslimischen Zuwanderer, die viele wieder zu bewussten Christen machen. Die offene Religiosität der Migranten weckt bei vielen Christen den Wunsch neu, sichtbarer zu werden. Wenn man freundlich ist, kann man darin erkennen, wie (Anders-)Gläubige die religiösen Wurzeln der Bürger des Gastlandes wiederbeleben. Wenn man es analytisch betrachtet, sieht man darin das Bedürfnis nach Unterscheidung. Die Religion definiert neben Sprache und Wohlstand den deutlichsten Unterschied. Man muss nicht einmal katholisch sein in Leipzig, um sich dem christlichen Abendland zugehörig zu fühlen und Grün zu tragen.

Wenn man aber hart urteilt, erkennt man im neuen öffentlichen Christentum die Möglichkeit zur Ab- und Ausgrenzung im Gewand der Nächstenliebe. Natürlich schicken Christen ihre Kinder nicht deshalb auf christliche Schulen, weil man da kaum Migrantenkinder findet. Aber es trifft sich. Natürlich geht man nicht in die Kirche oder zu den Pfadfindern, weil die anderen da nicht hingehen. Aber sie sind nicht da. Natürlich ist das Engagement in Flüchtlingsheimen großartig – doch selbst die Organisatoren beschleicht gelegentlich das Gefühl, dass da Erwachsenen-Kitas entstehen, mit einer Rollenverteilung wie zwischen Erziehern und Kindern.

Einen grünen Schal umzulegen, kann ein einfaches Zeichen der Zugehörigkeit sein. Man muss nur aufpassen, dass man ihn nach dem Katholikentag wieder ablegen kann.

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