Politik : EISFREI

Die Vorstellung, dass zwischen den USA und Kanada ein Krieg ausbrechen könnte, weil sich die beiden Staaten nicht einigen können, wem die Ressourcen rund um den Nordpol gehören, erheitert Bernard Coakley. Der Wissenschaftler arbeitet an der Universität Fairbanks in Alaska. Er weiß, dass der Klimawandel der Arktis schwer zusetzt. Aber er weiß auch, dass das Wetter dort unberechenbar bleiben wird. Rund 25 Prozent der Weltöl- und Weltgasreserven werden in der Region um den Nordpol vermutet. Gleich fünf Staaten haben machtpolitische und wirtschaftliche Interessen – und nicht weniger als acht bilaterale Grenzkonflikte werden in der Region ausgetragen.

In der Arktis liegt die durchschnittliche Temperatur bereits um gut zwei Grad höher als zum Beginn der Industrialisierung, weltweit sind es 0,8 Grad. Das Meereis schmilzt schnell. In diesem Sommer hat es einen neuen Tiefststand erreicht – in der Ausdehnung wie der Eisdicke. Die Sensation von 2007, als gleichzeitig die Nord-West-Passage entlang der kanadischen Küste und die Nord-Ost-Passage entlang der russischen Küste befahrbar waren, ist schon keine mehr. Die vor 20 Jahren unpassierbaren Routen werden für Reeder im Sommer interessant. Russland sieht die Nord-Ost-Passage als internationales Gewässer und beschränkt die Schifffahrt trotz der ökologischen Folgen, die ein Unfall haben könnte, dort nicht. Kanada dagegen sieht die Nord-West-Passage als Staatsbesitz und will die Schifffahrt dort strikt reglementieren. Dagegen wehren sich vor allem die USA.

Doch nicht nur um die Schifffahrt und die Nutzung der lebenden Ressourcen, also der Fische im hohen Norden, wird gestritten. Vier der fünf Arktisstaaten – Norwegen, Russland, Kanada, Dänemark – haben die UN-Konvention über das Recht der Meere (Unclos) ratifiziert. In den USA gibt es seit Jahren starken Druck der Ölindustrie, die Konvention zu ratifizieren, doch bisher scheitert das Vorhaben am Kongress. Die Konvention ist deshalb bedeutsam, weil sie den Mitgliedsstaaten zum einen die Inanspruchnahme einer Ausschließlichen Wirtschaftszone bis zu 200 Kilometer vor der Küste erlaubt. Und sie lässt Gebietsansprüche darüberhinaus zu, wenn die Landmassen unter dem Meeresspiegel klar zuzuordnende Ausläufer haben. Allerdings müssen die Staaten, die dieses Gebiet nutzen, dafür Gebühren bezahlen, jedoch erst fünf Jahre nach Beginn der Nutzung.

Von den 156 Unclos-Staaten haben etwa 70 vor, Gebietsansprüche geltend zu machen oder bereits Anträge gestellt. Zu diesen gehören auch Russland und Dänemark. 2007 hat Russland eine spektakuläre Nordpol-Mission losgeschickt, um den Beweis zu führen, dass der Lomonossow-Rücken, ein Gebirgszug unter Wasser, die Fortsetzung der sibirischen Landmasse sei. Dänemark wiederum will bis 2014 einen Antrag bei der Internationalen Meeresboden Behörde (ISA) einbringen, der den gesamten Nordpol Dänemark beziehungsweise der autonomen Region Grönland zuschlagen würde. Kanadische Forschungen lassen die Interpretation zu, dass die Landmassen unter dem Meeresspiegel zwischen Dänemark und Kanada eine Verbindung zu beiden Ländern haben könnten, weshalb der Antrag ziemlich schnell ein Fall für das Schiedsgericht werden könnte. Vielleicht wird in diesem Zusammenhang dann auch der Streit zwischen Dänemark und Kanada über die kleine Felseninsel Hans gelöst, die beide Länder beanspruchen.

Norwegen und Russland haben ihre Grenzstreitigkeiten zunächst beigelegt. Sie haben einen Vertrag geschlossen, der die norwegische Öl- und Gasexploration nördlich von Spitzbergen dauerhaft sichern soll. Neben Öl und Gas werden auch seltene Erden, die in der Hightech-Industrie gebraucht werden, sowie Diamanten am Meeresgrund vermutet. Daraus ergeben sich vielfältige Probleme. Zum einen ist die Tiefseeförderung nicht ohne Gefahren, was spätestens seit der Katastrophe im Golf von Mexiko klar ist. Und die Ökologie der Arktis ist höchst sensibel. Eine Ölpest in der Arktis kann das Gebiet auf Jahrzehnte hinaus verseuchen. Wie lang es dauert, die Folgen zu beseitigen, zeigt der vor Alaska auf Grund gelaufene Öltanker Exxon Valdez. Der Unfall ereignete sich 1989, die Folgen sind bis heute nicht beseitigt.

Trotz dieser Ressourcenjagd ist Bernard Coakley ziemlich entspannt, was die Folgen angeht. Denn er lebt in Alaska und weiß, was das heißt. Mehr als die Hälfte des Jahres lässt die Witterung eine Ölförderung gar nicht zu. Und das Leben im hohen Norden ist hart. Es ist kalt, dunkel, und ein Liter Milch kostet acht Dollar, weil nahezu alles mit hohem Aufwand dorthin gebracht werden muss. deh

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