Politik : EKD-Schuldbekenntnis: "Das ist tief in uns drin"

Susanne Tenhagen

Pfarrer Rolf Wischnath trägt auf der Kirchensynode in Braunschweig gelegentlich eine silberne Trillerpfeife am Revers. Der Mann aus Cottbus ist nicht nur Generalsuperintendent, sondern auch Vorsitzender des Aktionsbündnisses gegen Gewalt und Rechtsextremismus in Berlin-Brandenburg. Eben wurde auf der Synode der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) ein Bekenntnis auf den Weg gebracht. Eine Würdigung und Präzisierung der Weißenseer Erklärung, mit der die EKD 1950 das erste Mal ihre Mitschuld an der Shoa bekannte.

"Nach 50 Jahren, das ist spät", sagt Wischnath. Erst 30 Jahre nach Kriegsende war die erste EKD-Studie zum Thema Christen und Juden erschienen, und es gab Synodalerklärungen zur Neubestimmung des Verhältnisses zu Israel. Aber ein offizielles EKD-Bekenntnis gibt es zum ersten Mal seit 50 Jahren. Gerade jetzt in dieser Zeit, wo der Hass gegen Minderheiten wieder wächst, soll es auch als ein politisches Bekenntnis gelten.

Mit der neuen Erklärung soll die Schuld der Kirche am Holocaust klarer benannt werden. Heute wird noch einmal Bezug genommen auf die Verstrickung der evangelischen Kirche in die Vorgeschichte der Shoa. Wie stark die Protestanten durch aktives Handeln eingeflochten waren in die systematische Vernichtung der Juden, wie sehr religiöser Antijudaismus mit zum Antisemitismus beigetragen hat. Und es werden jetzt auch die Versäumnisse nach 1945 angesprochen. In der Erklärung ruft die EKD die Gesellschaft außerdem auf, Gewalt gegen Minderheiten zu bekämpfen. In einem Zusatz heißt es: Auseinandersetzungen um das Asylrecht dürften keine fremdenfeindlichen Handlungen begünstigen. Pfarrer Wischnath sieht die Erklärung als ein Zeichen in Zeiten wachsender Gewalt von rechts. Zur Synode hatte er später anreisen müssen, weil im brandenburgischen Finsterwalde 20 Rechtsradikale eine Wohngemeinschaft überfallen hatten. Der Pfarrer wurde gerufen und sollte auf einer spontanen Anti-Gewaltdemonstration sprechen. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich Verbündete suchen, politisch wach und gewaltfrei bleiben. Sie sollen sich bewaffnen mit Pfeifen, ein schriller Ton, der gewaltfrei bleibt".

Wischnath hatte in Braunschweig versucht, die gesamte EKD-Synode zur Teilnahme an der Berliner Kundgebung am 9. November zu bewegen und einen Antrag dazu eingebracht, der abgelehnt wurde. Das Bekenntnis der EKD nimmt er für seine Arbeit in der Gemeinde mit. "Dort sei man teilweise doch noch sehr zurück in diesen Dingen", sagt er. "Immer wieder begegnen mir dort bewußte oder unbewußte antijüdische Vorbehalte, die uns schwer zu schaffen machen. Das ist tief in uns drin."

Auf der Synode wurde der Entwurf für diese neuen Äußerung zur Shoa umsichtig diskutiert, gelegentlich Nachbesserungen im Ton gefordert, im Sinne einer Einladung an die Menschen jüdischen Glaubens. Der Theologe Richard Schröder gab die Mehrheitsverhältnisse zu bedenken, wenn man so eine Einladung ausspreche. Man könne schnell jemandem auch zu nahe treten. Näher als derjenige es wünsche, als eine Überschreitung der gewünschten Distanz. Achtung und Selbstachtung seien die beste Voraussetzung für eine vernünftige Begegnung, sagte Schröder.

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