EKD-Synode wählt Schneider-Nachfolger : Einmischer, Antreiber, Korrektiv

Nikolaus Schneider tritt ab, nun sucht die EKD einen neuen Vorsitzenden. An diesem Dienstag wird er auf der Synode in Dresden gewählt. Es sollte der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sein. Ein Kommentar.

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Bewandert in Glaubensfragen - und mit eigenem Urteil: Heinrich Bedford-Strohm.
Bewandert in Glaubensfragen - und mit eigenem Urteil: Heinrich Bedford-Strohm.Foto: dpa

Tausende Flüchtlinge drängen nach Deutschland, die arabische Welt fällt auseinander, und die Bundesregierung streitet über die Pkw-Maut. Es gibt große Themen, über die sich Politik und Gesellschaft verständigen müssten, doch CDU und SPD ducken sich weg. Sie folgen dem Koalitionsvertrag, als heiße das oberste politische Prinzip: Haltet euch ans Protokoll! Auch von den Parteien der Opposition kommen keine wachrüttelnden Impulse. Sie beharken sich gegenseitig oder sind vor Langeweile eingenickt.
An diesem Dienstag wählt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen neuen Ratsvorsitzenden an ihre Spitze. Das ist eine große Chance. Denn je länger der großkoalitionäre Dornröschenschlaf anhält, desto wichtiger sind die Kirchen. Als Antreiber. Als ethisches Korrektiv, an dem sich Politik und Wirtschaft messen lassen müssen. Als Anwalt, damit Menschen als Individuen wahrgenommen werden – und nicht als störende Flüchtlingsmasse, Ansammlung von Daten oder als Ziffer in der Handelsbilanz.
Aber dazu braucht es mehr als sorgsam ausgewogene Papiere, die keinem weh tun, oder Handreichungen aus dem Kirchenamt, die der internen Verständigung dienen oder zeigen sollen, dass jetzt auch die Kirche auf der Höhe der Zeit ist. Es braucht Leidenschaft. Es braucht einen eigenen Standpunkt und den Mut, dazu zu stehen, auch wenn andere die Nase rümpfen.

Seit dem Rückzug von Margot Käßmann war die EKD viel mit sich selbst beschäftigt

Die evangelische Kirche hat traditionell eine größere Nähe zur politischen Klasse als die katholische Kirche und traut sich manchmal nicht, Haltungen einzunehmen, die als einseitig verspottet werden könnten. Doch auch Einseitigkeit und Naivität sind wichtig. Sie helfen, als Pragmatismus getarnte Leichtgläubigkeit und eingefahrene Denkmuster zu entlarven.
Seit dem Rückzug von Margot Käßmann 2010 war die EKD viel mit sich selbst beschäftigt. Der heute 67-jährige Nikolaus Schneider und sein 64-jähriger Stellvertreter schafften es, die Institution in der Krise zusammenzuhalten. Doch jetzt braucht es einen neuen Aufbruch. Der könnte mit dem 54-jährigen bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm gelingen. Er ist eloquent, weltläufig und ehrgeizig. Er ist ein profilierter Sozialethiker mit dezidierten Meinungen und ein frommer Protestant, der gut gelaunt für den Glauben wirbt. Bedford-Strohm ist ein Schüler des früheren Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, an dessen Intellektualität sich viele abgearbeitet haben und den jetzt viele vermissen. Von ihm könnte Bedford-Strohm noch lernen, wie man sich nicht vereinnahmen lässt von der politischen Klasse, auch nicht von der SPD und selbst dann nicht, wenn man deren Mitglied ist.
Bedford-Strohm wird ein gutes Verhältnis zum Münchner Kardinal Reinhard Marx nachgesagt. Marx ist seit März Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und wie Bedford-Strohm ein Sozialethiker. Auch Marx könnte der Politik Beine machen. Doch seit seiner Wahl konzentriert er sich darauf, am großkatholischen Rad in Rom mitzudrehen. Am Sonntag hat der Bundesinnenminister eindrucksvoll an die EKD appelliert, sich in den politischen Prozess einzumischen. Die Kirchen sollten sich nicht länger bitten lassen.

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