Politik : ELF-Affäre: "Die Republik sprengen"

Eric Bonse

Paukenschlag im Prozess um die Pariser Elf-Affäre: Der seit drei Jahren per Haftbefehl gesuchte Hauptangeklagte Alfred Sirven wurde gestern völlig überraschend auf den Philippinen festgenommen. Er sollte noch am Abend nach Frankreich geflogen werden, hieß es zunächst in Paris. Der Elf-Prozess, der eigentlich am Montag weitergehen sollte, wurde bis auf weiteres ausgesetzt. Der prominenteste Angeklagte, Ex-Außenminister Roland Dumas, schöpft nun neue Hoffnung.

Der 74-jährige Sirven gilt als Schlüsselfigur in den diversen Elf-Affären, die die französische, die Schweizer und auch die deutsche Justiz beschäftigen. Vor seiner Flucht auf die Philippinen - die offenbar durch einen von Pariser Behörden gefälschten Ausweis erleichtert wurde - war Sirven Direktor der Abteilung "Allgemeine Geschäfte" beim französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine. Noch nach seiner Pensionierung leitete er die Schweizer Elf-Filiale Elf International, die der Korruption und Geldwäsche verdächtigt wird. Über diverse Schweizer Konten soll er das damals noch staatliche Unternehmen um 1,5 Milliarden Francs (fast 500 Milliarden Mark) erleichtert haben.

Sirven bestreitet die Vorwürfe. Bei seiner Verhaftung protestierte er lautstark: "Dies ist ein politischer Coup, ich habe kein Geld auf den Philippinen und auch keine geheimen Konten. Das ist alles ein Erfindung französischer Journalisten." Früher hatte sich der in Toulouse geborene Franzose indes gebrüstet, genug zu wissen, "um zwanzig Mal die Republik in die Luft zu sprengen". Die Autoren eines Enthüllungsbuchs ("Der Mann, der zu viel wusste") bezeichnen Sirven als "modernen Mephisto". In Frankreich und anderswo "zittern viele allein bei dem Gedanken, dass Sirven wieder auftaucht", so der Journalist Gilles Gaetner.

Der meistgesuchte Mann Frankreichs könnte nicht nur die Elf-Affären aufklären, heißt es in Paris. Sirven könnte auch den mysteriösen Skandal um die Leuna-Raffine-rie in Ostdeutschland und angebliche Spenden des Elf-Konzerns an die CDU von Altbundeskanzler Helmut Kohl erhellen.

Zunächst einmal hat Sirvens spektakuläre Verhaftung aber den Pariser Elf-Prozess gesprengt. Die ehemalige Nummer zwei des Elf-Konzerns war dort als Mitangeklagter - und mutmaßlicher Kronzeuge - vorgeladen. Nun wurde der Prozess, der erst vor zwei Wochen begonnen hatte, ausgesetzt. Als Erster freute sich darüber Ex-Außenminister Dumas: "Der Prozess kann unmöglich fortgesetzt werden", sagen seine Anwälte. Bei seiner letzten Vernehmung am Mittwoch war Dumas, der der "Beihilfe zur Veruntreuung" angeklagt ist, in die Defensive geraten. Außer sich vor Wut, stieß der ehemalige Präsident des Pariser Verfassungsrats wilde Drohungen aus: "Eines Tages werde ich mich persönlich um bestimmte Richter kümmern", entfuhr es Dumas. Später entschuldigte er sich bei seinen Richtern.

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