Politik : Elf Fragen an die Russen

Die erste Volkszählung seit dem Ende der Sowjetunion läuft

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Von Elke Windisch, Moskau

Die Putins gingen mit gutem Beispiel voran: Zwanzig Minuten lang beantworteten Herr Wladimir und Ehefrau Ludmila die Fragen für die erste Volkszählung in Russland seit dem Ende der Sowjetunion. Am Mittwoch machte sich ein Teil der fast 600 000 Volkszähler – meist Studenten – auf, die rund 144 Millionen Menschen zwischen Ostsee und Pazifik statistisch zu erfassen.

Die Demographen hoffen, so die Migrationsbewegungen in den vergangenen 13 Jahren aufschlüsseln zu können, durch die sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in weiten Teilen des Landes entscheidend verändert hat. Bei der Vorbereitung der Zählung haben die Behörden sogar ein neues Volk entdeckt, die Schalimtsi: 130 Menschen, die fernab in der nordsibirischen Region Taimir leben.

Insgesamt elf Fragen müssen beantwortet werden: Neben Geburtsdatum und –ort, Geschlecht und Familienstand werden die Nationalität und Staatszugehörigkeit ermittelt. Auch Ausländer mit ständigem Wohnsitz in Russland sind gehalten, sich der Befragung zu unterziehen. Mehrere Botschaften haben ihre Staatsangehörigen in Rundschreiben gemahnt, zuvor die Identität der Zähler, deren Ausweis einen roten Strich über einem Hologramm aufweisen muss, sorgfältig zu prüfen. Das russische Fernsehen zeigt den Ausweis in jeder Nachrichtensendung, um den Bürgern die Furcht vor potenziellen Einbrechern und Räubern zu nehmen. Vor allem in Großstädten wie Moskau und St. Petersburg erklärten viele Einwohner, sie würden die Zähler nicht in die Wohnung lassen und die Fragebögen stattdessen in einem der eigens dafür eingerichteten Zentren beantworten.

Nach Umfragen der vergangenen Woche wollen 92 Prozent aller Russen die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten, nur vier Prozent erklärten, sie könnten sich auch vorstellen, bewusst falsche Angaben zu machen. Missfallen erregt vor allem die Frage nach dem Einkommen. Obwohl die Daten anonym erfasst werden und nicht nach konkreten Summen, sondern lediglich nach Quellen gefragt wird. Viele fürchten dennoch Meldungen ans Finanzamt: Zwar gilt in Russland seit dem vergangenen Jahr ein einheitlicher Satz von 13 Prozent für die Einkommenssteuer – einer der niedrigsten in Europa. Dennoch ist Steuerhinterziehung nach wie vor ein großes Problem.

Offenbar werden auch Übergriffe auf die Zähler befürchtet. Deshalb wurden zu ihrem Schutz rund 200 000 Polizisten abgestellt. Die erste Volkszählung fand in Russland 1897 statt, zu Zeiten der Sowjetunion wurde siebenmal gezählt, zuletzt 1989.

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