Elfenbeinküste : Ausbruch aus dem "Hotel du Gold"

In Elfenbeinküste ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der gewählte Präsident Ouattara seinen Rivalen Gbagbo besiegt – doch das Land bleibt zweigeteilt.

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Sieger. Alassane Ouattara ist der international anerkannt Wahlgewinner.
Sieger. Alassane Ouattara ist der international anerkannt Wahlgewinner.Foto: AFP

Die Zeit des Wartens ist vorüber, das Lebensziel zum Greifen nah: Fast vier Monate lang hat sich Alassane Ouattara mit seiner neu ernannten Regierung in dem „Hotel du Gold“ in der ivorischen Wirtschaftsmetropole Abidjan verschanzt, geschützt von 800 UN-Blauhelmen, die bislang seine einzige Brücke zur Außenwelt waren. Vergeblich hatte der 68-Jährige zuvor versucht, den Präsidentenposten in der Elfenbeinküste zu übernehmen, der ihm nach seinem Wahlsieg im November eigentlich zustand. Mit 54 Prozent aller Stimmen hatte der Ökonom und ehemalige Spitzenfunktionär des Weltwährungsfonds (IWF) Ende November eine notwendig gewordene Stichwahl gegen den langjährigen Amtsinhaber Laurent Gbagbo gewonnen. Doch Gbagbo weigerte sich beharrlich, die Macht an seinen Erzfeind Ouattara und dessen oppositionelle RDR abzugeben.

Nun wird das politische Patt gewaltsam gebrochen: Abidjan und fast 90 Prozent des Landes befinden sich inzwischen unter Kontrolle der Truppen von Ouattara. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis dieser in den angeblich stark zerstörten Präsidentenpalast einzieht, in dem Gbagbo an diesem Wochenende seine letzte Schlacht kämpft.

Bereits einmal war Ouattara der Macht ähnlich nah wie jetzt: Anfang der 90er Jahre als Premierminister unter dem altersschwachen Präsidenten Felix Houphouet-Boigny, der wenig später starb. Doch in den Nachfolgekämpfen setzt sich am Ende ein anderer durch: sein heutiger Erzrivale Gbagbo. Verantwortlich dafür war dessen Konzept der „Ivorite“, nach dem nur „echte Ivorer“ alle Bürgerrechte erhalten. Gleichzeitig wurden Millionen Menschen in der Elfenbeinküste ausgegrenzt, deren Vorfahren aus den Anrainerstaaten eingewandert waren, um auf den Kakaoplantagen Geld zu verdienen. Das prominenteste Opfer der Ivorite war Ouattara: Er durfte damals nicht kandidieren, weil sein Vater angeblich aus dem benachbarten Burkina Faso stammte – und wurde dadurch zur Galionsfigur des muslimischen Nordens und von Millionen von Einwanderern, die zwar als Arbeitskräfte willkommen, aber ansonsten allenfalls Bürger zweiter Klasse sind.

Die Reaktion auf ihre Ausgrenzung folgte 2002, als sich die Rebellen im Norden erhoben und im Zuge der Revolte auch Gbagbo in Abidjan zu stürzen suchten. Die Rolle Ouattaras in dem Putsch ist bis heute nicht ganz geklärt. Allerdings gibt es trotz seines Dementis Hinweise, dass er hinter der Rebellion stand. So ist etwa der neue Ministerpräsident seiner Regierung niemand anders als der ehemalige Rebellenchef Guillaume Doro.

Zwar misslang der Putsch, doch leidet das Land bis heute unter seinen Folgen: Es ist seitdem zweigeteilt – in einen muslimischen Norden und christlichen Süden. Während es sich Gbabgo durch seine Unnachgiebigkeit und Machtarroganz mit vielen afrikanischen Nachbarn verdarb, konnte Ouattara durch seine Weltgewandtheit international punkten. Zusätzlich half ihm zuletzt auch noch der Bonus des Wahlsiegers. Dem gewieften Ökonomen gelang es zudem, Gbabgo und sein Regime vom Geldfluss der westafrikanischen Banken abzuschneiden und auch noch ihre wichtigste Einkommensquelle auszutrocknen: den Kakaoexport. Nach einer Order aus Ouattaras Hotel kam die Ausfuhr der Bohnen zum Erliegen – und Gbabgo noch stärker unter Druck, weil er fortan seine Staatsbeamten und Sicherheitskräfte kaum noch bezahlen konnte.

Dass die ivorische Wirtschaft darüber in die Knie ging und er Kleinbauern wie Exporteure in den Ruin trieb, schien Ouattara kaum zu stören: Es sei ein „kleines Opfer“, hieß es, dass die Leute bringen müssten. Ebenso arrogant klangen die Disziplinarmaßnahmen, die er all jenen androhte, die sich nicht zu ihm bekannten. Auch hat er in den letzten Monaten wenig getan, um die Versöhnung mit seinen Gegnern im Süden zu forcieren. Umso größer sind dort die Ängste, Ouattara könne sich nun an ihnen rächen. Sicher ist, dass es sich in der Elfenbeinküste nicht um einen Zweikampf zwischen einem Sünder und einem lupenreinen Demokraten handelt. Dazu sind auch die Umstände viel zu verworren, unter denen Ouattara, ein großer Immobilienbesitzer, seinen enormen Reichtum erwarb. Angeblich soll er sich bereits vor 20 Jahren als Premierminister massiv bereichert haben. Auch soll er sich durch die Heirat mit der Vermögensberaterin des ivorischen Gründervaters Houphouet einen Gutteil von dessen Besitz angeeignet haben.

Standesamtlich vermählt wurden Dominique und Alasanne Ouattara übrigens vom damaligen Bürgermeister von Neuilly: Nicolas Sarkozy. Auf ihrer Hochzeitsfeier war der heutige französische Präsident Ehrengast. All dies muss nicht gegen Ouattara sprechen, zumal er vom Volk gewählt wurde und als besserer Verwalter als Gbagbo gilt. Doch Vorsicht ist angebracht, zumal das Land nach dem brutalen Kampf um Abidjan und den Massakern auf dem Land tief gespalten bleibt.

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