Politik : Elfmeterschießen

Antje Sirleschtov

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Mehr als sonst fühlt sich das Wahlvolk im Augenblick von der deutschen Innenpolitik gelangweilt. Statt eindeutige Verhältnisse in den Kategorien von Sieg und Niederlage zu schaffen, hat der Wahlsonntag Anfang Februar die Bundespolitik in eine nahezu bewegungslose Situation manövriert. Weder bei den Reformen der Sozialsysteme noch in der Steuerpolitik gibt es eindeutige Positionen von Regierenden und Oppositionellen. Und alle warten in ihre Gräben geduckt darauf, dass der Gegner zuerst einen taktischen Fehler macht. Kein Wunder, dass sich die Bürger mit Grausen abwenden.

Not tut also eine zündende Idee, die die Leute wieder an die Fernsehschirme zieht, wenn die Nachrichten beginnen. Kein Geringerer als Silvio Berlusconi kommt uns da zu Hilfe. Gleichsam erfahren in politischen wie sportlichen wie medialen Dingen will der italienische Regierungschef neue Spielregeln im Fußball einführen. Damit die Spannung wieder steigt und sich die Stadien füllen, sollen die Mannschaften nach Berlusconis Vorstellungen künftig immer dann zum Elfmeterschießen ansetzen, wenn sie in der regulären Spielzeit lediglich ein langweiliges Unentschieden erspielen konnten. Das macht Spaß und verhilft den Zuschauern zu eindeutigen Gefühlen von Freude oder Trauer. Damit das ganze Spiel noch weiter an Dramatik gewinnt, sollen die Mannschaften auch lahme Enten oder Eigentor-Schießer rasch auswechseln können. Und weil es ja im Sport wie in der Politik fair zugehen muss, empfiehlt der italienische Regierungschef, auf dem Spielfeld noch einen zweiten Hauptschiedsrichter zuzulassen. Na, wäre das nicht ein Modell auch gegen deutsche Politikverdrossenheit?

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