Politik : Eliten-Förderung: Deutsch, aber elitär (Kommentar)

Kerstin Kohlenberg

Abiturnote Einskommadrei, zwei Klassen übersprungen und in der Freizeit noch einige Jugend-musiziert-Wettbewerbe gewonnen. In einer amerikanischen Vorabend-Soap wäre klar: Das ist unser Super-Hirn. Und mindestens eine Folge würde sich damit beschäftigen, auf welches Elite-College das Super-Hirn geht.

In Deutschland, und jetzt können Sie ihren Fernseher wieder ausschalten, ist Sara Deborah Struntz mit solchen Ergebnissen zwar die jüngste Abiturientin Bayerns und gehört damit zur künftigen Elite. Eine spezielle Elite-Förderung oder Schulen gibt es aber nicht. Hat Deutschland sie nicht nötig? Jede Gesellschaft steht vor der Herausforderung, immer wieder neue, junge Spitzenkräfte zu finden, damit die Alten nicht irgendwann alleine vor den Problemen sitzen. Deshalb muss immer wieder neu überlegt werden, ob die Gesellschaft schlaue Leute ausreichend fördert.

Das Für und Wider ist oft genug wiederholt worden: Eliteschulen, für die man in der Regel bezahlen muss, vergrößern die Kluft zwischen Arm und Reich, verführen dazu, die öffentlichen Schulen zu Schulen zweiter Klasse verkommen zu lassen, und etablieren eine gedankliche Koalition zwischen reich und schlau, erfolgreich und arm, doof und einfach nicht zu gebrauchen für die wichtigen Aufgaben der Zukunft. Das ist "böse" und aus diesem Grunde hat die Politik im Zweifel lieber die Finger von der Elitenförderung und ähnlichem amerikanischen Gedankengut gelassen.

Aber wie in jeder guten Vorabend-Soap, und jetzt können sie den Fernseher wieder anschalten, ist es damit nicht getan. Man kann sich nicht einfach gegen das "Böse" entscheiden und sich dann schlafen legen. Denn während man schläft, macht sich das "Böse" selbstständig und bildet seine eigenen Koalitionen. Etwa mit dem Druck der weltweiten ökonomischen Entwicklung. Eine moderne Gesellschaft, die international mithalten will, kommt ohne Elitenförderung womöglich nicht mehr aus.

Und wenn die Politik dann irgendwann aus dem Schlaf der Rechtschaffenen wieder aufwacht, dann steht der neue Verbündete des "Bösen", die Wirtschaft, vor der Tür und bietet beinahe kostenlose Privat-Universitäten an. Um wenigstens auf diese Weise eine Versorgung mit IT-Spezialisten, Mikrobiologen und Gentechnikern sicherzustellen. So geschehen in Potsdam, wo der SAP-Gründer Hasso Plattner der Uni ein Institut für Softwaresystemtechnik hingestellt hat. Oder jetzt kürzlich bei der Genom-Firma GPC Biotech, die ein Genom-Zentrum an der Freien Universität in Berlin einrichten will.

Die vielen anderen Biotech-Firmen, die einen Umsatz von einigen Milliarden Mark im Jahr machen, werden diesen Beispielen sehr wahrscheinlich folgen. Denn die Forscher wissen selbst am besten, welchen Nachwuchs sie brauchen. Und die Politik wird dem zustimmen, denn sie braucht diese wissenschaftliche Elite, um international mitspielen zu können.

So wird die Universität weit stärker als bisher Teil des Wirtschaftssystems - ohne dass die Politik eine Wahl hätte. Der Nachwuchs für die Wirtschaft lässt sich so sichern.

Wo aber kommen der Nachwuchs und die Ideen für die Politik her? Durch eine wachsende Abhängigkeit der Universitäten von der Wirtschaft, werden die Bereiche, die sich mit gesellschaftlichen und moralischen Fragestellungen auseinander setzen, zwangsläufig ins Hintertreffen geraten. Humanwissenschaftliche Programme laufen aus, die stärker nachgefragten wirtschaftsorientierten Disziplinen werden ausgebaut. Die Beobachtung der globalen Gesellschaft, das Erahnen von Krisen und die Erarbeitung politischer Lösungsansätze - das alles wird immer weniger Raum einnehmen.

Wird dann auch die Politik auf Menschen aus der Wirtschaft zurückgreifen? Auf den deutschen Ross Perot, Steven Forbes oder Donald Trump? Dabei wollte sie doch zu Beginn dieser Entwicklung nur eines: die Finger von diesem ganzen amerikanischen Zeug lassen.

So, jetzt können sie ihre Apparate endgültig ausschalten. Dies war wieder eine Folge unserer erfolgreichen Vorabend-Soap: Wie macht sich die Politik selbst überflüssig.

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