Politik : Empfang mit Gummibärchen und Spaghetti Bolognese

REGINA VILLAVICENCIO

Verängstigt blickt die achtjährige Kaltrina am Freitag mittag auf die vielen starr auf sie gerichteten Kameras.Endlich: Ein Fotograf lacht sie an.Sie rückt ihren Hut zurecht, der ihren kahlen Kopf verstecken soll, und lächelt zurück.Nur kurz.Denn schon geht es weiter mit dem Taxi in die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.Hier leiten die Ärzte sofort die notwendigen Untersuchungen ein, damit die Chemotherapie des an Knochenkrebs erkrankten Mädchens aus dem Kosovo fortgesetzt werden kann.Die Therapie war nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen von Rambouillet abgebrochen worden.Die behandelnden Belgrader Ärzte hätten für Kaltrina kein Bett mehr frei gehabt, erklärt Vater Ekrem Pira.Für ihre Weiterbehandlung in Hamburg-Eppendorf spendeten Tagesspiegel-Leser 20 000 Mark.

Kaltrina war schon am Mittwoch abend mit ihren Eltern und ihrem sechsjährigen Bruder Fatos sowie 200 weiteren Kosovo-Flüchtlingen in Paderborn angekommen und dort von Klaus Schäffer, dem Vorsitzenden der Warendorfer Hilfsorganisation "Aktion Kleiner Prinz" abgeholt worden.Kaltrina und ihre Familie sollten sich nach den Geschehnissen der vergangenen Wochen erst einmal in familiärer Atmosphäre bei den Schäffers entspannen.Zum Empfang gab es eine Schale Schokoladenwaffeln und Gummibärchen."Die waren sofort weg", sagt Klaus Schäffer lachend.Dann haben die Kinder mit Schäffers Töchtern und zwei Mädchen aus Kroatien erst einmal die Karten herausgeholt und "Uno" gespielt.Einig waren sich die Mädchen sofort darin, daß es zum Mittag Spaghetti Bolognese geben solle.Ein im Kosovo, Kroatien wie in Deutschland gleich beliebtes Gericht.

Die Eltern von Kaltrina berichteten unterdessen - zum ersten Mal seit langem entspannt und gemütlich bei Kaffee und Kuchen - von ihrem Schicksal im 500-Einwohner-Dorf Pozeranje südlich von Pristina.

Vater Ekrem war bis 1993 Richter gewesen.Aus politischen Gründen wurde er vom Dienst suspendiert.Kosovo-Albaner sollten nicht mehr in Führungspositionen tätig sein.Drei Jahre lang arbeitete er dann als Anwalt, bis die serbischen Behörden ihm die Zulassung entzogen.

Ende April dieses Jahres wurden die Piras aus ihrem Dorf vertrieben.Die Dorfbewohner albanischer Abstammung wurden gezwungen, in Busse zu steigen.Serben zündeten ihre Häuser an und fuhren sie dann an die mazedonische Grenze.In Mazedonien wurde die Familie im Lager Cegrane aufgenommen.Erschöpft, aber zugleich glücklich hat sie jetzt für mindestens ein halbes Jahr eine Bleibe in einem Wohnheim des Krankenhauses gefunden.

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