Empörung weltweit : Was ist heute noch links?

Linkssein hat Konjunktur in diesem Herbst. Rund um die Welt gehen Menschen auf die Straße. Sie fordern Klassenkampf und Verstaatlichung der Banken. Doch ist diese Empörung "links"?

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9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos. Foto: Thilo RückeisWeitere Bilder anzeigen
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05.01.2012 17:579.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn...

Ob der Trend nun ein Genosse oder das Lagerdenken gerade vollkommen out ist, der linke Mythos verblasst gelegentlich, aber untergehen wird er nicht. Linkssein hat Konjunktur. Kein Wunder. Denn die Verhältnisse, die sind wieder so. Klassische Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Aufstieg, Solidarität sind unter die Räder geraten. Und obwohl sie in den europäischen Sozialstaaten längst Allgemeingut über alle politischen Strömungen hinweg waren, sieht man ihnen in Zeiten von Niedriglöhnen und Banker-Boni wieder an, woher sie ursprünglich kommen: von links.

Junge Leute lesen wieder dicke Traktate, wie Josef Vogels „Das Gespenst des Kapitals“, dessen Titel auf das Kommunistische Manifest anspielt und ähnlich schwer verständlich ist. Oder kurze Pamphlete wie Stephane Hessels „Empört Euch“. Es liegt was in der Luft in den Demokratien, ein neuer Aufbruch, gegen den Finanzmarktkapitalismus, gegen Parteien und politische Führungen, die ihn nicht in seine Schranken weisen können oder wollen.

Wer in Spanien, Israel, Chile oder Großbritannien auf die Straße geht, ist vor allem: jung. „Occupy Wall Street“ sendet Signale an Politik und Banker um die ganze Welt. Die Parolen, die auf den neuen Wegen des Internet verbreitet werden, klingen ganz alt. Klassenkampf, Banken verstaatlichen. Der Blog „Wir sind die 99 Prozent“ bringt die demokratische Empörung auf den Punkt. Wie kann eine abgeschottete Minderheit, die sich die Taschen vollstopft, ganze Staaten vor sich hertreiben? Warum haben die Politiker nach der Lehman-Pleite 2008 nicht durchgegriffen auf Leerverkäufe, Hedgefonds, Schattenbanken? Quer durch alle Milieus trifft man in diesem Herbst auf Menschen, die einfach die Nase voll haben von „den Märkten“, deren Befindlichkeiten uns täglich gemeldet werden, als handle es sich um empfindliche Wesen, deren Gefühle Politiker nicht verletzen dürfen.

Ist diese Empörung „links“? Auch in der Anhängerschaft und bei den geistigen Ratgebern konservativer, liberaler, christlicher Politik macht sich schweres Unbehagen breit. Hat der Neoliberalismus, der die linken Umverteilungsparteien überall in die Defensive gebracht hat, nicht auch die konservativ-liberalen Werte verbraucht? Margaret Thatcher, die Pionierin der Marktentfesselung, hat sich für manchen Konservativen als kalte Revolutionärin entpuppt.

Beteiligt an der Welle von Deregulierung und Privatisierung zulasten des öffentlichen Sektors waren auch die Parteien der europäischen Linken. New Labour in England, Rot-Grün in Deutschland. Die sozialdemokratischen Parteien gehören in den Augen ihrer traditionellen Anhänger, der kleinen Leute, „zu denen“, den oberen Kasten und Cliquen, die uns die fatale Entwicklung eingebrockt haben.

Wer und was links ist, kann man heute nicht definieren über Parteizugehörigkeit, eher schon über Wertbegriffe (Gerechtigkeit, Gleichheit), oder Lebenseinstellungen (Unverbesserlicher). Wer links ist, sagt heute wieder Kapitalismus und findet es nicht peinlich, von den Reichen hohe Steuern zu fordern.

Links muss man sich nicht nennen, um es zu sein oder dafür gehalten zu werden. Mehrfach hat die Geschichte überwunden, was einmal die politische Linke definiert hat. Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, den Sozialismus, das Aufbegehren der kritischen Jugend in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Motive und Träume dieser Generation hatten nur noch wenig Ähnlichkeit mit den Vorstellungen der Arbeiterbewegung, die sich von kaiserlichen Obrigkeiten emanzipieren wollte. Aber als links galt und verstand sich das eine wie das andere. Über zwei Jahrhunderte hat sich der Begriff immer wieder neu aufladen lassen, durch neue Ungerechtigkeiten, neue Unterdrückung, neue Sehnsüchte. Linkssein ist ein Lebensgefühl, das sich verändern kann wie jeder Mensch, der seine Auffassungen wechselt und doch er selbst bleibt.

„Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz“, hat William S. Schlamm, ein berühmter Renegat des 20. Jahrhunderts gesagt, „und wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand.“ Sozialdemokraten beschreiben ihren Aufstieg oft selbst ironisch mit dem Bild: „Na ja, typisch, links unten angefangen, rechts oben rausgekommen.“

Linke neigen zu Rechthaberei. Lesen Sie auf Seite 2, warum Alleinvertretungsansprüche abstoßen.

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