Politik : Ende des Versteckens

Schwulen-Sex war in vielen US-Staaten verboten. Eine Diskriminierung, meint das höchste Gericht – jetzt müssen neue Gesetze her

Malte Lehming[Washington]

Es begann mit einem fiesen Nachbarn. Der rief eines Abends bei der Polizei an. Das war vor fünf Jahren. Im Appartment nebenan, behauptete der Mann, würde ein Mann mit einem Gewehr herumlaufen und durchdrehen. Die Polizei rückte an. Doch statt eines Gemeingefährlichen fand sie John Lawrence und seinen Freund Tyron Garner, ein erwachsenes homosexuelles Paar, das gerade den Beischlaf vollzog, wie es in der Rechtssprache heißt. Die Männer wurden verhaftet, eine Nacht lang inhaftiert und mussten jeder 200 Dollar Strafe plus Gerichtskosten bezahlen. Denn in Texas, wo die Geschichte spielt, war schwuler Sex bislang verboten. Der fiese Nachbar wurde wegen Irreführung der Polizei ebenfalls verurteilt.

In insgesamt 13 US-Bundesstaaten gelten bis heute sogenannte Sodomie-Gesetze. Davon haben vier Staaten, unter ihnen Texas, explizit homosexuellen Analsex als Delikt festgeschrieben. Im Jahre 1986 hatte das Oberste US-Gericht es in die Befugnis der Einzelstaaten gestellt, solche Gesetze zu erlassen. Diese Justiz-Praxis stand jetzt erneut auf dem Prüfstand – und wurde verworfen. Am Donnerstag entschied eine Mehrheit der neun amerikanischen Oberrichter zu Gunsten von Lawrence und Garner. Schwulen-Organisationen, Bürgerrechtler und selbste einige konservative Organisationen, die dagegen sind, dass sich der Staat in das Sexualleben seiner Bürger einmischt, feierten das Urteil als Erfolg. Es sei ein „Meilenstein" im Kampf um die Gleichstellung der Homosexuellen.

Die Festnahme seiner Mandanten sei ein schwerer Eingriff in deren Privatsphäre gewesen, hatte der Anwalt von Lawrence und Garner in der Anhörung erklärt, die dem Urteil vorausgegangen war. Der Vertreter von Texas berief sich dagegen auf die amerikanische Verfassung. Die räume „niemandem außerhalb der Ehe das Recht auf sexuelle Betätigung" ein, erklärte er. Allerdings wirkte diese Begründung stets willkürlich. Denn unverheiratete heterosexuelle Paare dürfen in Texas durchaus Geschlechtsverkehr haben. Außerdem wird in dem amerikanischen Bundesstaat Texas die Adoption von Kindern durch Homosexuelle sogar besonders gefördert.

Durch das jüngste Urteil des Supreme Court wird sich wahrscheinlich die gesamte Sodomie-Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten ändern. Außerdem ist Präsident George W. Bush in Bedrängnis geraten. Er wird sich zu diesem Urteil äußern müssen. Begrüßt er es, verprellt er einen Teil seiner christlich-fundamentalistischen Basis, insbesondere in seinem Heimatstaat. Sollte Bush das Urteil kritisieren, würde er sich gegen das Oberste Gericht stellen, dem er sein Amt verdankt, sowie gegen die Mehrheit der liberalen amerikanischen Mitte. Man darf gespannt sein, wie er sich aus dieser Zwickmühle befreit.

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