Politik : Ende einer Dienstfahrt

Segelschulschiff Gorch Fock wieder im Heimathafen – Ausbildung könnte doch weitergehen

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Marine-Inspekteur Schimpf hält eine Rückkehr des suspendierten Gorch-Fock-Kommandanten Schatz für möglich. Foto: dpa
Marine-Inspekteur Schimpf hält eine Rückkehr des suspendierten Gorch-Fock-Kommandanten Schatz für möglich. Foto: dpaFoto: dpa

Gorch Fock – quo vadis? Nach achteinhalb Monaten endete am Freitag um 10 Uhr an der Tirpitzmole in Kiel eine denkwürdige Dienstfahrt, die in die Geschichte der Bundesmarine eingehen wird. Das Segelschulschiff Gorch Fock kehrte unter den Augen von rund 2000 Besuchern zurück zum Marinestützpunkt und Heimathafen, ohne dass das endgültige Schicksal des Traditionsseglers geklärt ist.

Das Marinemusikcorps spielte an der Pier den Marsch „Gruß an Kiel“, gefolgt von „In the Navy“. Die Besatzung des Traditionsseglers kennt diese Empfänge. Doch diesmal war es anders. Ursprünglich war vorgesehen, dass der beinharte Törn ganz um Kap Hoorn erst mit dem Einlaufen zur Segelparade der „Kieler Woche“ Ende Juni zu Ende gehen sollte. Dazu kam es nicht, weil eine Kadettin während der Ausbildungsfahrt des Schiffes ums Leben kam.

Der tragische Tod der 25-jährigen Offiziersanwärterin, die am 7. November des Vorjahres im Hafen von Salvador de Bahia aus über 20 Metern Höhe von der Takelage stürzte, war erst der Anfang. Die gesamte Ausbildung an Bord geriet daraufhin in Misskredit, so dass der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) Hinweisen über Drill, Schikane, Alkoholexzesse, sexuelle Nötigung und Befehlsverweigerung nachzugehen hatte. Der altehrwürdige Dreimaster wurde plötzlich zum Politikum. Als dann gar das Wort von der Meuterei im fernen Brasilien die Runde machte, stand unwillkürlich Gorch- Fock-Kommandant Norbert Schatz im Fokus, den der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kurz darauf bis zur Klärung aller Umstände von seiner Aufgabe suspendierte und damit die Marine in die größten Turbulenzen seit ihrem Bestehen brachte.

Seitdem steht die Ausbildung von Marineoffizieren genau wie die Zukunft des knapp 90 Meter langen Schiffes auf dem Prüfstand. Für Marineinspekteur Axel Schimpf stellt sich die Frage nach der Bark nicht: „Die Gorch Fock wird in der neuen Marinestruktur ihren Platz haben!“ Da zuletzt auch eine Diskussion über die monetäre Seite des Großseglers aufgekommen ist, fügte er hinzu: „Das Schiff ist seinen Preis wert.“ Auch aus dem Verteidigungsministerium hieß es, das Schiff bleibe in der Fahrbereitschaft, was so viel bedeutet wie, dass die Seetüchtigkeit aufrechterhalten wird.

Mit der Ankunft in Kiel hat das Schiff bis auf Weiteres zunächst aber keinen Kapitän mehr und wird daher wohl auch nicht an der Parade zur „Kieler Woche“ teilnehmen, was allen eingefleischten Segelfans das Herz bluten lässt. Die Mission von Michael Brühn, der als Schatz-Vorgänger nach dessen Abberufung das Kommando übernahm, ist nämlich beendet. Er verfasst jetzt seinen Havariebericht, der mit in die Havarieverhandlung am 24./25. Mai Eingang findet, die sich mit dem Unfalltod der jungen Frau in Brasilien beschäftigt. Ebenfalls steht noch der Bericht der Kieler Staatsanwaltschaft über den Vorfall aus. Erst dann soll es eine abschließende Bewertung durch das Verteidigungsministerium geben. Mit dem im nächsten Monat anvisierten Abschlussbericht verknüpft ist auch die Zukunft von Norbert Schatz. Geht es nach Marine-Inspekteur Schimpf, steht, sollte Schatz reahbilitiert werden, einer Rückkehr auf die Kommandobrücke der Gorch Fock nichts mehr entgegen. Schatz selbst, der derzeit zum Marineamt in Rostock abkommandiert ist, hat seine Bereitschaft für eine Rückkehr bereits signalisiert.

Offen bleibt vorerst noch die Frage, ob die jetzt zu Ende gegangene Fahrt möglicherweise der letzte Ausbildungstrip gewesen ist. Eine Ausbildungskommisssion trifft sich erstmals am 9. Mai, um ein Konzept zu erarbeiten. Das Gremium wird sich wohl rund drei Monate Zeit nehmen. Wie bereits auf der Marinetechnikschule in Stralsund im Einsatz soll auch die Marineschule in Flensburg-Mürwik eine Mastanlage für Trainingszwecke bekommen, wie der dortige Leiter Flottenadmiral Thomas Ernst bestätigte.

Führende Politiker und auch der Wehrbeauftragte haben sich jedenfalls dafür ausgesprochen, die Ausbildung weiterhin auf der Gorch Fock zu belassen, wo seit Indienststellung vor 52 Jahren insgesamt 14 500 Offiziers- und Unteroffiziersanwärter ausgebildet wurden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), der das Schiff von einem Besuch im vergangenen August in Bremerhaven noch als Innenminister persönlich kennengelernt hat, sagte vorbehaltlich des Abschlussberichtsergebnisses, eine schöne Tradition solle nicht leichtfertig über Bord geworfen werden. Königshaus stellte auch trotz möglicherweise einzelner persönlicher Verfehlungen oder Schwachstellen bei den jetzigen Ausbildungsrichtlinien das Schiff als solches nicht infrage. Dem ZDF sagte er: „Insgesamt haben wir keinen Grund, das Schiff zu verdammen.“ Dem Vernehmen nach soll auch die Mehrheit des Verteidigungsausschusses dagegen sein, das Schiff endgültig an die Kette zu legen.

Demonstrativ hat die gesamte Marinespitze sich am Freitag beim Einlaufen der Gorch Fock in Kiel gezeigt. Zu dem von der Marinekommission dem Verteidigungsausschuss bereits vorgelegten Untersuchungsbericht, den sich das Ministerium nicht zu eigen machen wollte, meinte Schimpf süffisant, es habe sich offenbar um ein gewolltes Missverständnis gehandelt.

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