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Ende einer Diktatur : Die letzten Stunden des Gaddafi-Regimes

Nur wenige Stunden nach dem Tod von Muammar al-Gaddafi hat der Übergangsrat bereits mit der Bildung eines neuen Staatswesens begonnen. Über die letzten Stunden des früheren libyschen Machthabers werden immer mehr Details bekannt

Auf der ganzen Welt feierten die Familien mit libyscher Abstammung den lang ersehnten Befreiungsschlag - ob im britischen Manchester...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
20.10.2011 22:18Auf der ganzen Welt feierten die Familien mit libyscher Abstammung den lang ersehnten Befreiungsschlag - ob im britischen...

Der frühere libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi soll erst auf dem Weg von seiner Heimatstadt Sirte nach Misrata schwer verwundet worden sein. Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibrilo, sagte am späten Donnerstagabend nach Angaben des Nachrichtensenders Al-Dschasira in Tripolis, Gaddafi habe sich in Sirte in einem großen Wasserrohr aus Beton versteckt. Als ihn die Revolutionstruppen dort entdeckt hätten, sei er ihnen mit einer Pistole in der Hand entgegengetreten.

Die Verletzungen, die später zu seinem Tod geführt hätten, habe er jedoch erst erlitten, als die Kämpfer, die ihn auf einem Pritschenwagen von Sirte in die Stadt Misrata bringen wollten, auf dem Weg unter Beschuss geraten seien. Gaddafi habe eine Schusswunde am Kopf und eine am Bauch gehabt. Er sei nicht von den Kämpfern zu Tode geprügelt worden, sondern erst nach seiner Ankunft im Krankenhaus von Misrata gestorben, weil er viel Blut verloren habe.

Dschibril habe weiter erklärt, Ärzte hätten DNA-Proben genommen, bevor die Leiche des Ex-Diktators zur Beerdigung freigegeben worden sei. Dabei hätten die Ärzte festgestellt, dass ein großer Teil der oft wirr vom Kopf stehenden langen Haare Gaddafi „künstliche Haare“ gewesen seien. Gaddafi, der auch gerne hohe Absätze und prunkvolle Gewänder trug, habe in Wirklichkeit eine Halbglatze gehabt. Er solle schon bald nach islamischem Ritus an einem unbekannten Ort bestattet werden, hieß es.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat nach dem Tod von Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi ein rasches Ende des Nato-Einsatzes in Libyen angekündigt. Die Nato werde den seit Ende März laufenden Einsatz in Abstimmung mit den Vereinten Nationen und dem Nationalen Übergangsrat Libyens beenden, heißt es in einer Erklärung Rasmussens vom Donnerstagabend in Brüssel. „Mit dem Fall von Bani Walid und Sirte ist dieser Moment jetzt sehr viel nähergerückt.“ „Die Nato und unsere Partner haben das historische Mandat des UN-Sicherheitsrates zum Schutz der libyschen Bevölkerung erfolgreich umgesetzt“, erklärte Rasmussen. Nach Angaben von Diplomaten wird der Nato-Rat bei einer Sondersitzung an diesem Freitag voraussichtlich das Ende des Einsatzes beschließen.

Zum Tod Gaddafis heißt es in der Erklärung des Generalsekretärs: „Libyen kann einen Strich unter ein dunkles Kapitel seiner Geschichte ziehen und eine neue Seite aufschlagen.“ Die Libyer müssten nun selbst über ihre Zukunft entscheiden. Rasmussen rief alle Libyer auf, „ihre Streitigkeiten beizulegen und gemeinsam eine besseer Zukunft zu bauen“. Er appellierte an den Übergangsrat, Vergeltungsaktionen gegen Zivilisten zu verhindern und „Zurückhaltung im Umgang mit den besiegten Gaddafi-Truppen zu üben“.

Schicksalstage in Sirte
Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers, Mutassim Gaddafi, während der Kämpfe in Sirte in die Hände der Aufständischen gefallen sein soll.Weitere Bilder anzeigen
1 von 38Foto: dpa
12.10.2011 23:51Am Mittwochabend (12.10.2011) verkündete der Nationale Übergangsrat in Tripolis, dass der Sohn des langjährigen Machthabers,...

In Libyen feierten die Menschen frenetisch das Ende der knapp 42 Jahre langen Herrschaft. Neun Monate nach Beginn des „Arabischen Frühlings“ und zwei Monate nach dem Sturz des langjährigen Machthabers ist nun auch in Libyen der Weg frei für die Bildung einer provisorischen Übergangsregierung und die Vorbereitung demokratischer Wahlen. Nur wenige Stunden nach dem Tod des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi hat der Übergangsrat bereits mit der Bildung eines neuen Staatswesens begonnen. Schon in einem Monat soll die neue Übergangsregierung in Tripolis stehen. Die einstigen Rebellen feierten unterdessen landesweit ihren Erfolg, mit dem das monatelange Blutvergießen in Libyen zu Ende gehen dürfte. Nach zunächst unbestätigten Berichten wollte der Übergangsrat am Samstag Libyen für befreit erklären.

Nach einem Bericht der „New York Times“ wurde Gaddafis Leichnam in Misrata von Hunderten Menschen beäugt. Feiernde Soldaten der Übergangsregierung gaben unterdessen die „ultimativen Trophäen dieser Revolution“ von Hand zu Hand weiter - Gaddafis goldene Pistole, sein Satellitentelefon, seinen braunen Schal und einen schwarzen Stiefel.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem „historischen Tag in der Geschichte Libyens“. „Sie haben ihre Revolution gewonnen“, sagte er in Washington an die Adresse der Rebellen gerichtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem Schlusspunkt unter dem Regime Gaddafi. „Damit geht ein blutiger Krieg zu Ende, den Gaddafi gegen sein eigenes Volk geführt hat“, sagte Merkel in Berlin.

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