Ende einer Fluggesellschaft : Air Berlins Untergang ist ein Fall des Staatsversagens

Die Insolvenz der Airline hat das Management verschuldet, bei der Abwicklung hat die Politik Unheil angerichtet. Ein Kommentar.

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Zurück in den Hangar: Am Freitag fliegt Air Berlin zum letzten Mal.
Zurück in den Hangar: Am Freitag fliegt Air Berlin zum letzten Mal.Foto: Roland Weihrauch/dpa

Wenn Flug AB6210 am späten Freitagabend aus München in Tegel landet, die Besucherterrasse voll ist, die Flughafenfeuerwehr zum Gruß Fontänen über den rot-weiß lackierten Airbus spritzt: Dann sollte es eigentlich schön sein, weil es ja auch irgendwann gut sein muss.

Nach bittersüßem Abschiedsdusel dürfte aber den wenigsten zumute sein, wenn es jetzt aus ist mit der Air Berlin. Zu viel Missgunst, Neid, schmutzige Wäsche, die amtierende und ehemalige Manager in den vergangenen Tagen gewaschen haben. Und vor allem wegen der Unsicherheit – allen voran bei der überwiegenden Mehrheit der 8000 Beschäftigten, die man zu lange im Glauben gelassen hat, sie könnten von einem Investor übernommen werden. Aber auch Unsicherheit bei noch rund 100.000 Fluggästen, deren Tickets ungültig sind: Sehen sie auch nur einen Cent jemals wieder? Niemand kann das heute sagen.

Erst auf dem Sterbebett wurde die Politik aktiv

Ja, Topmanager – und davon hatte diese Fluggesellschaft zuletzt mehr als ihr guttat – haben versagt. Sie haben schon vor zehn Jahren strategische Fehlentscheidungen getroffen. Doch heute wiegt das Versagen der Politik in Bund und den Ländern schwerer, die sich lange null für Air Berlin interessiert hat. Erst auf dem Sterbebett wurde sie aktiv – und richtete nur Unheil an. Es gipfelte diese Woche im Unvermögen, sich gemeinsam wenigstens auf ein faires Finanzierungsmodell für eine Transfergesellschaft zu verständigen.

Die Politik hat blind auf die Lufthansa vertraut

Der Anfang vom Ende der Air Berlin vollzog sich im Frühjahr bei einem Handschlag von Lufthansa- Chef Carsten Spohr und dem obersten Scheich von Abu Dhabi – unter den Augen der Kanzlerin. Dort wurde den Leuten des Emirs bedeutet, man nehme ihnen die Last mit der Air Berlin, mit der sie bereits zwei Milliarden Euro verbrannt hatten, gern ab. Voraussetzung: Sie schreiben ihre Schulden ab. Was den Arabern als teure, aber gesichtswahrende Lösung erschien, entpuppt sich heute als Sündenfall. Denn hätten sie Lufthansas Angebot, das durch die Anwesenheit von Angela Merkel geadelt worden war, ausgeschlagen, und wie versprochen Air Berlin noch bis Herbst 2018 finanziert, wäre das Rennen offen gewesen für diverse Investoren.

Die Geschichte des Flughafens Tegel in Bildern
Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten davor. Oben im Bild Flughafensee (rechts, der kleine) und der Tegeler See. Unten die Kleinanlagen zwischen Piste und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal.Weitere Bilder anzeigen
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02.02.2017 09:45Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten...

Das war es nicht. Schon am 15. August, dem Tag des Insolvenzantrags, haben zwei Bundesministerien es begrüßt, dass Lufthansa sich der Sache annehmen wolle. Die Hoffnung war, dass eine Übernahme von Air Berlin die Lufthansa als internationalen Player stärkt, der es mit den aufstrebenden Konkurrenten aus Mittel- und Fernost aufnehmen kann. Wie naiv! Diese Parteinahme für Lufthansa macht die ausgehandelte Übernahme der halben Air Berlin anfechtbar, sie schadet dem Wettbewerb und dem Luftverkehrsstandort Berlin. Flugtickets werden teurer, und Berliner und Brandenburger müssen künftig öfter umsteigen.

Merkel, Dobrindt, Zypries und auch Michael Müller: Sie alle haben sich erst eingemischt, dann aber blind darauf vertraut, dass die Lufthansa es zu einem guten Ende führen werde. Das Ergebnis: Die Zerfledderung einer Airline und Verzweiflung bei Tausenden Familien. Ein letzter Aufruf: Sollte die nächste Pleite von nationaler Bedeutung anstehen, sollte die Politik schlichten, neutral moderieren und bis zum Ende am Ball bleiben – oder sich ganz raushalten.

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