Endlager für Atommüll : Geheimakten entlarven Gorleben als ungeeignet

Gorleben hat es bei der Endlagersuche nie in die engere Auswahl geschafft, zeigen unveröffentlichte Regierungspapiere. Greenpeace fordert, die Suche neu zu eröffnen.

Marlies Uken

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat bislang geheim gehaltene Gorleben-Akten aus den siebziger und neunziger Jahren veröffentlicht. Aus ihnen geht hervor, dass geowissenschaftliche Erkenntnisse keine Rolle bei der Standortauswahl für ein nationales Endlager für Atommüll spielten. "Die Entscheidung für Gorleben ist willkürlich und nach einem vollkommen intransparenten Verfahren zustande gekommen", sagt Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler. "Es hat nie ein wissenschaftliches Auswahlverfahren mit dem Salzstock Gorleben als bestem Ergebnis gegeben."

Die Ergebnisse der Greenpeace-Recherchen sind brisant, da kommende Woche der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu Gorleben erstmals zusammenkommen wird. Er soll mögliche Manipulationen bei der Suche nach einem Endlagerstandort für hochradioaktiven Atommüll aufklären. "Wir hoffen, dass die Ausschussmitglieder von den jetzt bekannt gewordenen Unterlagen kräftig Gebrauch machen werden", sagt Edler.

Monatelang hatte Greenpeace bislang unveröffentlichte Akten ausgewertet. Deren Einsicht war nach Ablauf von 30 Jahren Verschlusszeit inzwischen möglich. Auf Grundlage des Umweltinformationsgesetzes erhielt die Organisation mehr als 12.000 Aktenseiten aus der niedersächsischen Staatskanzlei, dem niedersächsischen Umweltministerium und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Bei weiteren neun Behörden hat Greenpeace außerdem Akteneinsicht beantragt.

Die Unterlagen, die Greenpeace seit Montag auch in einer Online-Datenbank veröffentlicht, zeigen, dass Gorleben ursprünglich nicht zur engeren Auswahl von möglichen Standorten für ein sogenanntes Nukleares Entsorgungszentrum gehörte. Eine Studie der Kernbrennstoff-Wiederaufbereitungs-Gesellschaft (KEWA) aus den Jahren 1974 bis 1976, die systematisch Salzstöcke untersuchen ließ und vom Bundesforschungsministerium in Auftrag gegeben wurde, favorisierte drei Orte in Niedersachsen: Börger im Emsland, Wesen-Lutterloh bei Celle und Ahlden bei Fallingbostel.

An den drei Standorten regte sich heftiger Widerstand, von "Verseuchung" sprach damals ein Landtagsabgeordneter aus der Region. Auch der spätere CDU-Bundesinnenminister Rudolf Seiters, gebürtiger Emsländer, wehrte sich gegen einen Standort in seiner Heimat. Gorleben schaffte es dagegen nicht einmal in die Vorauswahl.

Der TÜV Hannover verglich im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums ebenfalls acht Standorte. Er favorisierte im Abschlussbericht den Standort Nieby in Schleswig-Holstein – auch hier gelangte Gorleben nicht in die Vorauswahl. Erst in einer späteren Version der abschließenden Bewertungstabelle tauchen plötzlich zwei weitere Standorte auf: Mariaglück und Gorleben, ergänzt per Handschrift in zwei Spalten. Wer der Verfasser war, ist unbekannt.

"Gorleben tauchte plötzlich von der Seite aus auf – ohne eine wissenschaftliche Begründung", sagt Edler. Nur drei Monate später, nachdem Gorleben erstmals in den Unterlagen genannt wurde, fällt das niedersächsische Kabinett Ende Februar 1977 bereits seine Entscheidung: Gorleben soll Standort eines Entsorgungszentrums für ausgebrannte Brennelemente werden. "In drei Monaten ein wissenschaftliches Auswahlverfahren zu machen, ist schlicht unmöglich", sagt Edler.

Warum und wie Gorleben plötzlich in die Endauswahl kam, darüber können Greenpeace und andere Experten nur rätseln. Ob dies auf die Einflussnahme von Lokalpolitikern zurückgeht, die auf Tausende Arbeitsplätze für die strukturschwache Region Lüchow-Dannenberg hofften, ist nicht dokumentiert. Ebenso nicht, inwiefern der Widerstand an anderen Standorten eine Rolle spielte. Klar allerdings ist, dass die Bundesregierung unter Helmut Schmidt (SPD) nur drei Tage vor der Kabinettsentscheidung sich gegenüber dem damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) gegen Gorleben aussprach: zu nah die innerdeutsche Grenze, zu groß das Risiko diplomatischer Verwerfungen.

Auch aus geowissenschaftlicher Sicht scheint Gorleben ein Fehlgriff zu sein. In einem Schreiben des Bundesamts für Strahlenschutz an die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Jahr 1996 gehen Wissenschaftler sogar von starkem Wassereintritt aus: Ein Laugenreservoir mit einem Volumen von bis zu einer Million Kubikmeter Lauge könnte sich in dem ersten Abschnitt des Erkundungsbergwerks befinden.

Das entspricht etwa dem Jahresbedarf von Trinkwasser eines 10.000 Einwohnerorts. "Eine Zahl, die ich bislang noch nicht kannte und die überraschend groß ist", sagt der Kieler Geologe Ulrich Schneider, der selbst Anfang der achtziger Jahre das Bergwerk untersuchte und ein Gutachten mitverfasst hat.

Brisant ist, dass die BGR noch vor zwei Jahren in einer Gorleben-Studie von nur "mehreren hundert Kubikmetern" Laugenreservoir spricht. Nach Ansicht von Greenpeace hielt die BGR gezielt das Wissen über die hohen Wassermengen unter Verschluss. "Ein Salzstock, der Wasservorkommen enthält, sollte niemals für ein Endlager in Betracht kommen", sagt Edler.

Das Bundesamt für Strahlenschutz teilte allerdings nach der Greenpeace-Pressekonferenz mit, dass es sich bei dem Laugenvorkommen in Höhe von einer Million Kubikmeter um eine "anfängliche und deshalb noch stark fehlerbehaftete Berechnung" gehandelt habe. Inzwischen müsse man von etwa 1500 Kubikmetern Lauge ausgehen, die jedoch keine Sicherheitsgefahr darstellen würden.

Was folgt aus der "Akte Gorleben"? Sie ist vor allem ein gefundenes Fressen für die Menschen im Wendland, die sich seit Jahrzehnten gegen ein Endlager vor ihrer Haustür wehren. Greenpeace fordert, die Suche nach Standorten wieder neu zu eröffnen – deutschlandweit und auch in anderen Gesteinsformationen wie etwa Ton.

Nach Ansicht des Juristen Ulrich Wollenteit, der zahlreiche Gutachten für Greenpeace verfasst hat, ist die alte Rechtsgrundlage, auf der der Salzstock erkundet wird, längst nicht mehr aktuell. "Was bislang gelaufen ist, ist eindeutig rechtswidrig", sagt er. Die "bestmögliche Gefahren- und Risikovorsorge", einen juristischen Grundsatz, den Wollenteit aus Grundgesetz und Atomgesetz ableitet, sei bei der Suche nach einem Endlager nicht beachtet worden. "Beste Klagemöglichkeiten" bescheinigt er den Wendländern.

Das Bundesumweltministerium erklärte auf Nachfrage, es halte daran fest, die Erkundung des Salzstocks nach zehn Jahren Pause wiederaufzunehmen. "Ob Gorleben tatsächlich geeignet ist, genau das muss jetzt geklärt werden", so ein Sprecher. "Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen in die Prüfung einfließen."

Quelle: ZEIT ONLINE

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