• Endlager Morsleben: "Wer hier noch radioaktiven Müll lagern will, handelt verantwortungslos"

Politik : Endlager Morsleben: "Wer hier noch radioaktiven Müll lagern will, handelt verantwortungslos"

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WOLFRAM KÖNIG (Bündnis 90/Grüne) ist Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Einst war er schärfster Kritiker des einzigen deutschen Endlagers für radioaktive Abfälle.

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat das Endlager Morsleben - auch mit Verweis auf Expertengutachten - stets für sicher erklärt. Jetzt droht in Teilen des Endlagers Einsturzgefahr. Ist Ihre Behörde noch glaubwürdig?

Ja. Es war seinerzeit eine politische Entscheidung, das DDR-Endlager auch im vereinten Deutschland weiterzubetreiben. Auch im BfS hatte es damals warnende Stimmen gegeben, die sich aber gegenüber der Politik nicht durchsetzen konnten.

Sie selbst haben das Endlager früher als "nicht langzeitsicher" bezeichnet. Jetzt denken Sie daran, den Salzstock abzufüllen und zu verschließen, ohne die Abfälle zurückzuholen. Warum dieser Sinneswandel?

Es gab keinen Sinneswandel. Die rot-grüne Landesregierung, der ich als Umweltstaatssekretär angehörte, hat damals stets ein Einlagerungsmoratorium zumindest bis zu dem Zeitpunkt gefordert, an dem die Langzeitsicherheit des Endlagers zweifelsfrei nachgewiesen ist. Die damalige Umweltministerin Angela Merkel hat die Langzeitsicherheit nur als theoretisches Modell postuliert. Die jetzige Bundesregierung und das Land Sachsen-Anhalt sind sich einig, dass der gestoppte Einlagerungsbetrieb nicht wieder aufgenommen wird. In meiner Behörde laufen derzeit Berechnungen zur Langzeitsicherheit, die für die endgültige Schließung und Stilllegung des Endlagers erforderlich sind. Ich bin jetzt also in der verantwortungsvollen Rolle, meine damaligen Forderungen nach sicherer Schließung des Endlagers konsequent umzusetzen.

Seit der deutschen Vereinigung wird das Endlager ständig wissenschaftlich untersucht. Warum wurden die Risse im Südfeld erst jetzt bemerkt?

Die geomechanischen Spannungen im Südfeld sind schon geraume Zeit bekannt und werden beobachtet. Als im vergangenen Jahr Risse in den Decken der Endlagerkammern entdeckt wurden, habe ich die Untersuchungen intensiviert. Es steht fest, dass selbst im schlimmsten Fall kein Bruch an der Oberfläche und damit auch kein Wassereinbruch in diesem Bereich des Endlagers zu erwarten ist. Die Gefahr ist auf einen engen Untertage-Bereich beschränkt. Durch die rund 1000 Tonnen schweren Brocken, die in diesem Bereich herauszubrechen und auf die eingelagerten Abfälle zu stürzen drohen, würde radioaktiver Staub aufgewirbelt werden. Wir haben die Belüftung in diesem Endlagerbereich technisch umgestellt. Jetzt kann der Staub nicht in andere Bereiche des Salzstocks oder gar in den Übertage-Bereich getrieben werden. Die Verfüllung dieser Kammern beginnt am Samstag.

Hat es Versäumnisse beim Betrieb des Endlagers gegeben?

Wenn ein atomares Endlager in dem Zustand ist, in dem das in Morsleben jetzt ist, muss man von erheblichen Versäumnissen sprechen. Die Frage nach der Verantwortung dafür muss die Politik beantworten. Jeder, der das Endlager jetzt noch für sicher erklärt oder die Wiederaufnahme der Einlagerung fordert, handelt vor sich und der Gesellschaft verantwortungslos.

Wie sieht das Konzept für einen dauerhaften Verschluss aus?

Kernpunkt ist der dauerhafte Abschluss der Abfälle von der Biosphäre für einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren. Die Berechnungen dafür sind sehr komplex, deshalb konnte ich bislang noch keine prüffähigen Unterlagen präsentieren. Das liegt auch daran, dass vor dem Regierungswechsel derartige Berechnungen auf die lange Bank geschoben wurden. Vermutlich hatte man mit Recht befürchtet, den Einlagerungsbetrieb zu gefährden.

Sind Mitarbeiter des Endlagers oder Menschen der Region durch radioaktive Strahlung gefährdet?

Durch die Sicherungsmaßnahmen ist gewährleistet, dass die Strahlenbelastung sowohl für Mitarbeiter als auch für die Anwohner selbst im Fall schwerer Brüche in den Salzschweben, also den Decken oberhalb der Stollen, weit unterhalb der zulässigen Dosis bleibt. Somit ist eine Gefährdung aus heutiger Sicht auszuschließen.

Welche Folgerungen ziehen Sie aus den aktuellen Entwicklungen um Morsleben?

Die Probleme in Morsleben sind heute auch deshalb so massiv, weil man kritischen Sachverstand systematisch ausgegrenzt hat. Ich unterstütze den Weg von Umweltminister Jürgen Trittin, zunächst einen breiteren Konsens über die Möglichkeit eines atomaren Endlagers in tiefen geologischen Bereichen herzustellen. Die eingesetzte Arbeitsgruppe wird dabei alle Erkenntnisse einbeziehen und sich - was mindestens ebenso wichtig ist - wieder der öffentlichen Diskussion ihrer Erkenntnisse öffnen, auch mit Umweltverbänden und Kernkraftgegnern. Erst wenn die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe vorliegen, lässt sich meines Erachtens eine wirklich belastbare Aussage treffen, ob beispielsweise Gorleben als atomares Endlager geeignet ist oder nicht.

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