Endlagerung : Wo der Atommüll entsorgt werden soll

Der Streit um die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken ist wieder entbrannt. Dabei ist eines noch immer unklar, wo der radioaktive Abfall endgelagert werden soll. Ein Blick auf die vier Projekte im Land: zwei Altlasten und zwei neue.

 Dagmar Dehmer
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Salzstock Gorleben -Foto: ddp

Derzeit lagern an rund 30 Orten in Deutschland radioaktive Abfälle: in Zwischenlagern, Landessammelstellen oder Endlagern. In neun Fabriken wird Atommüll konditioniert, also in eine transport- und lagerfähige Form gebracht. Nun hat die Bundesregierung entschieden, die Erkundung des Salzstocks in Gorleben als Endlager wieder aufzunehmen. Ein Blick auf die vier Endlagerprojekte im Land: zwei Altlasten und zwei neue.

GORLEBEN

Der erste Schritt zur Wiederaufnahme der Erkundung von Gorleben ist getan. Am Dienstagabend stellte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) im Auftrag des Bundesumweltministeriums einen Antrag an das niedersächsische Landesbergamt, den Rahmenbetriebsplan aus dem Jahr 1983 bis zum 30. September 2020 zu verlängern. Dabei geht es zunächst um den Weiterbetrieb des Bergwerks, die Zulassung läuft zum 30. September 2010 aus. Für die weitere Erkundung müssten noch ein Hauptbetriebsplan und eventuell weitere Sonderbetriebspläne erstellt werden, schreibt das BfS.

Bereits am Mittwoch haben Bauern im Wendland aus Protest die Dömritzer Brücke an der Bundesstraße 191, die Zugangsstraße zu der Region, blockiert. Am 24. April – zwei Tage vor dem Tschernobyl-Gedenktag – soll bundesweit gegen die Atompolitik der Bundesregierung protestiert werden. Besonders umstritten ist, dass Schwarz-Gelb ausschließlich auf Gorleben als Endlager setzt und keinen Standortvergleich anstellt. „Damit wird die Regierung gegen die Wand fahren“, sagt ein Experte, der nicht namentlich genannt werden will. Lediglich ein paar Forschungsaufträge für eine Endlagerung in anderen Gesteinsformationen dürfte es wohl geben. Doch schon das ging einigen CDU-Politikern vor allem in Süddeutschland zu weit. Die Lokalpolitiker in Gorleben haben dafür am Mittwoch Kompensation verlangt. Ihre wichtigste Forderung ist ein Autobahnanschluss.

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Asse. Foto: dpa


Der Hauptkritikpunkt an Gorleben ist die Art und Weise, wie der Standort gesucht und gefunden worden ist. 1977 ist die Standortentscheidung gefallen; selbst Wissenschaftler, die den Salzstock für potenziell geeignet halten, meinen, dass mehrere Standorte hätten miteinander verglichen werden sollen. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Dokumente, die 1983 zur Entscheidung, den Salzstock unter Tage zu erkunden, geführt haben, manipuliert worden sind. Diese Frage soll nun ein Untersuchungsausschuss des Bundestages aufklären.

In Gorleben sollen vor allem abgebrannte Brennstäbe aus Atomkraftwerken eingelagert werden. Die Gesamtmenge ist überschaubar (rund 29 000 Kubikmeter, falls die Laufzeiten der Atomkraftwerke nicht verlängert werden), aber diese Abfälle enthalten 99,9 Prozent der Strahlung, die durch den Betrieb kerntechnischer Anlagen anfällt. Die Gegner des Endlagerprojekts in Gorleben sind besonders erbittert darüber, dass die Arbeiten auf der Basis des Rahmenbetriebsplans von 1983 fortgesetzt werden sollen. Damals galt noch das alte Bergrecht, das keine formelle Bürgerbeteiligung vorsieht. Zwar hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) versprochen, Bevölkerung einzubeziehen. Doch geht es ihm offenbar vor allem um „angemessene Informationen“. Bis Oktober will er sich mit den Ländern auf die Sicherheitsanforderungen für das Endlager geeinigt haben. Basis dafür sind die Kriterien, die das Umweltministerium im Sommer 2009 veröffentlicht hat. Die hält nach Auskunft des Vorsitzenden der Entsorgungskommission (ESK), Michael Sailer, auch das Expertengremium im Grunde für vernünftig. Die Endlagerexperten haben aber noch ein paar Detaileinwände. Erst in rund zehn Jahren würden dann in einem Planfeststellungsverfahren die Bürger beteiligt.

SCHACHT KONRAD

Das ehemalige Erzbergwerk in Salzgitter ist das einzige genehmigte Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Deutschland. Von 2015 an sollen dort auf rund 800 Meter Tiefe etwa 270 000 Kubikmeter radioaktiver Abfälle so eingelagert werden, dass sie dauerhaft gesichert sind und ohne Bewachung dort bleiben können. Diese Abfälle enthalten nur 0,1 Prozent der Strahlung, die bis 2040 anfällt. 2007 hat das Bundesverwaltungsgericht die letzten Klagen gegen das Endlager abgewiesen. Seither wird es für den Einlagerungsbetrieb ausgebaut.

Die Idee, aus dem Bergwerk ein Endlager zu machen, hatte der Betriebsrat der Grube, nachdem sich abzeichnete, dass die Qualität des dort geförderten Eisenerzes nicht hoch genug war, um es wirtschaftlich weiterbetreiben zu können. Die Einlagerungskammern werden derzeit in Bereichen gebaut, in denen kein Erz abgebaut wurde. Umgeben ist das Erz von Gesteinsschichten aus der Zeit des Jura, die dort vor mehr als 280 Millionen Jahren abgelagert worden sind. Das Planfeststellungsverfahren hat hier 1982 begonnen, und die Bevölkerung war auch schon vorher in die Arbeiten einbezogen. Zwar gibt es auch in Salzgitter eine Bürgerinitiative gegen das Endlager. Doch durch die frühe Bürgerbeteiligung und die steten Gesprächsangebote des BfS ist die Stimmung deutlich besser als in Gorleben oder rund um das direkt benachbarte Skandal-Endlager Asse.

Wegen des Endlagers in Schacht Konrad hat sich das Einlagerungskonzept für Gorleben inzwischen vollkommen verändert. Der Rahmenbetriebsplan von 1983 sah noch eine Erkundung für ein Endlager vor, das alle Arten von Atommüll hätte aufnehmen sollen. Der größte Volumenanteil dieser Abfälle ist inzwischen aber weggefallen. Allein deshalb hält der Berliner Anwalt Remo Klinger in einem Gutachten im Auftrag des BfS die Rechtsgrundlage des uralten Rahmenbetriebsplans für „aufgebraucht“.

ASSE

Das Atomendlager Asse II ist zwischen 1967 bis 1978 als Endlager genutzt worden, obwohl es lediglich ein Forschungsendlager sein sollte. Dort sind 126 000 Fässer mit teils unbekanntem Inhalt eingelagert worden. Die Asse ist ein altes Salzbergwerk, das auf sehr kleinem Raum bis an die Grenzen des Deckgesteins genutzt worden ist. Das Bergwerk ist komplett durchlöchert. Dennoch hielten die Wissenschaftler um den früheren Chef der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), Klaus Kühn, die Asse für einen „Glücksfall“.

Das Bergwerk wurde günstig gekauft und diente der entstehenden deutschen Atomindustrie als „Entsorgungsnachweis“. Obwohl die Anlage als Forschungsendlager deklariert war, stammt ein Großteil der dort abgekippten Abfälle aus Anlagen der heutigen Atomkraftwerksbetreiber Eon, Vattenfall, RWE und EnBW. Neben direkten Lieferungen aus den Meilern sind Abfälle auch indirekt ins Bergwerk gelangt. Sie wurden über das Kernforschungszentrum Karlsruhe dort eingelagert.

Klaus Kühn behauptete noch lange, nachdem der Bund die weitere Nutzung der Asse als Endlager gestoppt hatte, der radioaktive Abfall sei dort sicher. Doch schon seit 1988 dringen täglich rund zwölf Kubikmeter Wasser ins Bergwerk ein, die aufgefangen und in ein anderes Bergwerk transportiert werden müssen.

Wolfram König, Chef des BfS, sagt, es sei nach wie vor unklar, woher das Wasser genau komme. Das BfS wolle jedoch versuchen, die Sicherheit bis zu einem Wassereintritt von 500 Kubikmetern täglich noch zu gewährleisten. Nach einem Optionenvergleich strebt das BfS an, die Abfälle aus der Asse herauszuholen und anderswo sicher einzulagern. In den kommenden Wochen sollen nun zwei Einlagerungskammern angebohrt werden, um zumindest einmal über Messungen eine Ahnung davon zu bekommen, was dort überhaupt lagert. Wie es dann weitergeht, ist schwer einschätzbar. Sicher ist, dass der Atommüll nicht durch den bestehenden Schacht nach oben befördert werden kann. Es wird ein zweiter Schacht nötig sein. Schon allein, um zu verhindern, dass die Menschen, die unter Tage arbeiten, direkt mit den Abfällen in Berührung kommen.


MORSLEBEN

Das Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben ist nicht nur eine DDR-Altlast. Die Einlagerung begann 1971. Es ist auch eine Altlast der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU). Denn unter ihrer Regie wurde das Endlager nach der Wende weiterbetrieben, obwohl sich damals schon abzeichnete, dass der Salzstock nicht standfest genug sein würde. Etwa zwei Drittel der dort gelagerten 36 000 Kubikmeter Material stammen aus DDR-Reaktoren. Ein Drittel kommt aus westdeutschen Atomkraftwerken. Merkel erklärte noch 1997 im Namen der ganzen Bundesregierung auf eine Große Anfrage im Bundestag: „Die Sicherheit des Endlagers Morsleben ist nach wie vor gewährleistet. Ein Anlass für einen Stopp des Einlagerungsbetriebs ist nicht gegeben.“ Schon die DDR habe sich an die Vorgaben der Internationalen Atomenergiebehörde geha1ten, argumentierte Merkel weiter.

1998 stoppte ein Gerichtsurteil die weitere Einlagerung von Atommüll. Seither hat das BfS Millionensummen ausgegeben, um die Standfestigkeit des Bergwerks zu erhöhen, weil es immer wieder in Gefahr war, einzustürzen. 2005 hat das BfS einen Plan zur Stilllegung des Endlagers erstellt. Inzwischen sind sich die Fachleute im BfS sicher, dass sie die Sicherheit der dort gelagerten Abfälle über Tausende von Jahren garantieren können, obwohl „sich Morsleben in einer ungünstigen geologischen Situation befindet“, wie es in einer Chronologie des BfS heißt.

Im Fall der Asse trauen sie sich eine solche Aussage nicht zu. Seit Juli haben die Behörden in Sachsen-Anhalt ihre Prüfungen abgeschlossen. Danach wurden die Planfeststellungsunterlagen ausgelegt. Rund 12 000 Einwendungen wurden eingebracht. Derzeit bereitet das Landesumweltministerium den öffentlichen Erörterungstermin vor, dessen genauer Termin aber offenbar noch nicht feststeht. BfS-Chef König hofft, dass das Verfahren noch in diesem Jahr abgeschlossen werden kann.

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