Politik : Endlich zeichnet sich auch in Korea das Ende des Kalten Krieges ab (Kommentar)

Alexander Loesch

In Korea bahnt sich allmählich eine Wende an: das Ende des Kalten Krieges - auch dort. Angesichts der jahrzehntelang ideologisch betonierten Teilung ist das bemerkenswert. Es war nicht nur der demokratische Süden, wo kürzlich mit der Wahl eines neuen Parlaments die Karten neu gemischt wurden. Es war auch der Norden, wo die kommunistische Führung die Weichen plötzlich umgestellt hat. Und es war kein Zufall, dass die Führung in Pjöngjang kurz vorm Urnengang der Südkoreaner grünes Licht zum ersten Gipfeltreffen beider Staatschefs gegeben hat. Ihr Kalkül ist klar: Wir sagen Ja, verhelfen dem um Annäherung bemühten Präsidenten in Seoul zu einem Triumph seiner "Sonnenscheinpolitik" und damit zu Stimmenzuwächsen seiner Demokratischen Millenniumspartei.

Das bankrotte Regime im Norden versprach sich davon eine Stärkung der gegenwärtigen Regierung im Süden und dadurch die Öffnung des Füllhorns mit materieller Hilfe. Dies nicht aus Sorge um seine unter an Hunger leidenden Bevölkerung, sondern in der Hoffnung so einer möglichen Destabilisierung der eigenen Macht vorzubeugen. Doch diese Rechnung ging so nicht auf, weil Pjöngjang die Eigendynamik der jungen südkoreanischen Demokratie und die sich dort seit zehn Jahren rasant entwickelnden offenen Gesellschaft nicht begriffen hat.

Wie denn auch? Die Unterschiede zwischen den seit einem halben Jahrhundert getrennten Gesellschaften könnten größer nicht sein. Trotzdem, die seit 1945 geteilte Halbinsel, der erste Schauplatz des Kalten Krieges gerät in Bewegung. Denn zum einen verlor im Süden der Angstfaktor Norden, der dort lange zur Rechtfertigung einer Militärdiktatur diente, seine lähmende Wirkung. Zum anderen dämmert selbst den paranoiden Herrschern Nordkoreas, dass mit vom Hunger entkräfteten Untertanen nicht einmal ihre Waffenprogramme zu halten sind.

Dass bei der Parlamentswahl im Süden die Millenniumsdemokraten von Kim Dae Jung zwar Zugewinne verzeichnen konnten, die oppositionelle Große Nationalpartei aber den Sieg davontrug, zeugt von der emanzipatorischen Eigendynamik der Demokratie. Innenpolitische Probleme, vor allem die Korruption der Politiker und die regionalen Spannungen zwischen dem ärmeren Osten, woher Präsident Kim Dae Jung kommt, und dem entwickelten Westen der südlichen Halbinsel, waren letztlich ausschlaggebend.

Doch abgesehen von der neuen Kräftekonstellation im Süden und den bloß von kurzsichtiger Selbstsucht diktierten Annäherungsversuchen des Nordens: Langfristig ist das System Nordkorea zum Untergang verurteilt. Damit aus der künftigen großen Wende nicht eine große Explosion wird, dafür werden jetzt die Grundlagen gelegt.

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