Energiepolitik : "Der Atomstrom kommt ins Schwitzen"

Die Hitzewelle liefert den Atomgegnern ein neues Argument: Die Kühlung von Kraftwerken erweist sich derzeit als problematisch. Aus der Industrie wird derweil der Ruf nach einer Abkehr vom Atomausstieg lauter.

Berlin - Die Union müsse in dieser Frage ihre Überzeugungsarbeit gegenüber dem Koalitionspartner SPD verstärken, sagte BDI-Präsident Jürgen Thumann. Zuvor hatte bereits Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) den Ausstiegsbeschluss kritisiert. Thumann betonte: «Auf die global wachsende Energienachfrage müssen wir mit einem möglichst breiten Energiemix reagieren, der alle Optionen offen hält.» Deutschland könne es sich nicht leisten, auf einzelne Energieträger zu verzichten. «Eine sichere, zuverlässige, umweltschonende und preiswerte Stromversorgung in Deutschland ist ohne die Kernenergie auf absehbare Zeit nicht denkbar», sagte der BDI-Präsident.

Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer bezeichnete die Vorstöße aus der Union und der Industrie als «ideologischen Theaterdonner». Die SPD sei «klug genug», um zum beschlossenen Atomausstieg zu stehen. «Der Glaubwürdigkeitsverlust, den sie ansonsten erleiden würde, wäre dramatisch», warnte Bütikofer die SPD.

Der SPD-Umweltexperte Marco Bülow betonte, die Hitze werde «zum K.o.» für die Atomkraft. Wegen der hohen Temperaturen müssten bereits die ersten Kraftwerke ihre Leistungen drosseln. Bülow fügte hinzu: «Um die Atomkraftwerke im Betrieb zu halten, sind riesige Mengen von Wasser zur Kühlung notwendig. Wenn aber das kühlende Wasser selbst 26 Grad erreicht, dann muss der Kraftwerksbetrieb eingestellt werden.»

Grüne fordern Ausbau der Solarenergie

Der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell sagte: «Der Atomstrom kommt ins Schwitzen.» Nun müsse der Ausbau der Solarenergie beschleunigt werden, da sich das Kühlproblem der großen Atom- und Kohlekraftwerke noch verschärfen werde.

Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) erklärte dagegen, der «Abgesang» auf die Kernenergie komme zu früh. Die Folgen der Hitze zeigten vielmehr, dass nur durch einen «breiten Energiemix» die Energieversorgung sichergestellt werden könne. Reiche verwies darauf, dass auch andere Energieträger wie die Windenergie von den hohen Temperaturen betroffen seien.

Thumann erklärte, aus Sicht der industriellen Stromverbraucher sei «nicht erkennbar, dass andere Technologien in der Lage sind, den Grundlastbedarf zu wettbewerbsfähigen Preisen zu decken». Der BDI-Präsident betonte: «Wir sehen auch keine Alternative beim Klimaschutz.» Die Klimavorsorge werde von längeren Laufzeiten der Kernkraftwerke profitieren, weil die Umwelt von CO2-Emissionen entlastet werde. (Von Jörg Säuberlich, ddp)

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