Energiepolitik : Italien will wieder Atomkraftwerke bauen

Italien hängt zu 85 Prozent von Stromeinfuhren ab. Rom sieht die Lösung in der Rückkehr zur Kernenergie – gegen ein Referendum.

Paul Kreiner

RomEntwicklungsminister Claudio Scajola fordert die „Energiewende“: „Die Rückkehr zum Atom lässt sich nicht länger aufschieben. Nur Atomkraftwerke erlauben es, Energie in großem Maßstab, auf sichere Weise, zu wettbewerbsfähigen Kosten und unter Rücksicht auf die Umwelt zu erzeugen.“ Mit „Entschlossenheit und Verantwortungsgefühl“, sagt Scajola weiter, werde die Regierung das Energieproblem angehen. Den Wahlkampfeinsatz von Premier Sivilo Berlusconi zugunsten der Kernenergie werde man „überzeugt und mit Bestimmtheit ehren“.

Scajola sprach vor der Confindustria, dem Dachverband der italienischen Industrie; Applaus war ihm sicher. Bald soll, sagt der Minister, „eine Gruppe von Kernkraftwerken der neuesten Generation“ entstehen. Nationale Energieunternehmen wie Eni, Enel und Edison hatten dies zuletzt immer wieder gefordert. Der Edison-Konzern, der von der atomfreundlichen Electricité de France (EdF) kontrolliert wird, verlangt „fünf bis zehn Kernkraftwerke, um 25 Prozent des italienischen Strombedarfs zu decken“.

Vor der Genehmigung steht jedoch eine Hürde: die Dreiviertelmehrheit, mit der die Italiener per Referendum 1987 unter dem Eindruck der Katastrophe in Tschernobyl die Atomkraft abgelehnten. Heute kritisiert Confindustria-Präsidentin Emma Marcegaglia, das Votum sei „zu emotional und zu wenig bedacht gewesen“. Vier kleinere Reaktoren, die seit den 60ern gebaut worden waren, wurden stillgelegt; acht geplante wurden nie verwirklicht. Italienische Konzerne aber trieben ihre Entwicklungsarbeiten weiter und statten heute Atomkraftwerke weltweit mit modernster Reaktortechnik aus. Über Beteiligungen im Ausland – in der Slowakei zuerst – besitzt die Enel, Italiens größter Stromkonzern, auch direkt Atomkraftwerke. Stromimporte aus Frankreich führen dazu, dass Italiens Bedarf derzeit zu etwa sechs Prozent aus Atomenergie gedeckt wird.

Weil es nach dem Aus für seine Akw keine andere Energieversorgung aufbaute, hängt das Land heute zu 85 Prozent von Einfuhren aus dem Ausland ab. Wie prekär das ist, zeigte der Herbst 2003. Da stürzte in der Schweiz ein Baum auf eine Strom-Importleitung, und in Italien gingen die meisten Lichter aus. Etwa 80 Prozent seines Stroms erzeugt Italien aus Öl und Erdgas – so dass die Strompreise heute zu den höchsten in Europa zählen.

Atomkraftwerke, sagt die Regierung, könnten Abhilfe schaffen. Greenpeace dagegen spricht von einer „Kriegserklärung“; weitere Umweltverbände kündigen Widerstand an. Ermeto Realacci, „Umweltminister“ der Opposition, nennt Scajolas Rede „ideologisch und antiökonomisch“. Doch Realacci freut sich auch: „Endlich hat die Regierung etwas gesagt, mit dem sie Stimmen verlieren wird.“

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