Energiepolitik : Vattenfall droht mit Klage

Der Pannenserie zum Trotz: Der Energiekonzern Vattenfall besteht auf einer Verlängerung der Laufzeit für das Atomkraftwerk Brunsbüttel.

Dagmar Dehmer
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Das Umweltministerium will das AKW in Brunsbüttel abschalten. -Foto: ddp

BerlinTrotz der jüngsten Pannen im Atomkraftwerk Brunsbüttel will der Energiekonzern Vattenfall den umstrittenen Meiler länger als im Atomgesetz vorgesehen am Netz lassen. „Vattenfall hat das Ziel, die Laufzeit zu verlängern“, sagte Vattenfall-Chef Hans-Jürgen Cramer dem Nachrichtenmagazin „Focus“. „Daran halten wir trotz der jüngsten Vorkommnisse fest.“ Das Kraftwerk in Brunsbüttel soll 2009 vom Netz gehen. Dagegen will Vattenfall aber vor Gericht ziehen, falls Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Antrag auf eine Übertragung von Strommengen des Atomkraftwerks Krümmel auf Brunsbüttel ablehnen sollte: „Möglicherweise werden wir das juristisch ausfechten müssen.“

Zunächst hatte Vattenfall versucht, Strommengen des nie kommerziell betriebenen Meilers Mühlheim-Kärlich auf Brunsbüttel übertragen zu lassen. Dazu wollte Vattenfall dem Energiekonzern RWE Strommengen des stillgelegten Reaktors in Mühlheim-Kärlich abkaufen. Das lehnte der Umweltminister ab. Denn im Atomgesetz ist vorgesehen, dass diese Strommengen nur auf einige im Gesetz genannte Akw übertragen werden dürfen. Brunsbüttel gehört nicht dazu.

Deutliche Kritik äußerte Cramer am Plan von Gabriel, die sieben ältesten Meiler, darunter Brunsbüttel, sofort abzuschalten. Das sei eine politische Forderung des Ministers, eine rechtliche Grundlage sehe er nicht: „Die Gleichung, alte Meiler sind unsicher, neue sicher, ist unseriös. Kernkraftwerke werden permanent modernisiert“, sagte Cramer. Ein älteres Akw sei deshalb auch ein sicheres Akw. Das sehen Fachleute anders. Als Risikofaktoren werden ältere Werkstoffe und eine viel höhere Zahl von Schweißnähten in älteren Anlagen genannt. Das Prinzip der räumlichen Trennung von Systemen als Grundlage für den Brandschutz sei nicht überall verwirklicht. Zudem sei gerade durch die Nachrüstungen die Fehleranfälligkeit gestiegen. Denn durch die Nachrüstungen würden die Anlagen „unübersichtlicher“, argumentieren Fachleute im Umweltministerium. Das Potenzial für die Einführung unbeabsichtigter Fehler steige mit jeder Nachrüstung. Zudem ist keines der sieben ältesten Atomkraftwerke gegen den Absturz von Flugzeugen geschützt und damit ein potenzielles Terrorziel. Sigmar Gabriel argumentiert, dass eine Abschaltung der sieben ältesten Kraftwerke die Sicherheit in Deutschland auf einen Schlag erhöhen könnte.

Der Vattenfall-Chef gab zu, dass das Krisenmanagement nach den Störfällen in Brunsbüttel und Krümmel fehlerhaft gewesen sei. „Von Anfang an hätten wir offen, schnell und umfassend berichten müssen. Seit ich die Verantwortung trage, gibt es einen radikalen Kurswechsel in der Kommunikation“, sagte Cramer. Er hatte Mitte Juli den Chefposten übernommen, nachdem Vorgänger Klaus Rauscher wegen der Pannen zurückgetreten war. Von den Energiekonzernen verlangt Cramer nun einen transparenten Kurs bei der Atomkraft: „Betreiber wie Vattenfall und andere müssen ihre öffentliche Zurückhaltung aufgeben.“ Die Atomkraftwerke müssten für die Öffentlichkeit zugänglich sein und dürften keinen Raum für Zweifel und Spekulationen lassen: „Gelingt uns das, glaube ich sogar an einen Aufwind für die Kernenergie in Deutschland.“ Die Stilllegung der Meiler Brunsbüttel und Krümmel, die vor Oktober wohl nicht wieder ans Netz gehen, kostet Vattenfall mehr als 100 Millionen Euro. „Die Summe scheint realistisch“, antwortete Cramer auf eine entsprechende Frage. „Jeder Tag, an dem die Meiler stillstehen, kostet uns rund eine Million Euro.“

Zudem gab Cramer zu, dass Vattenfall in Hamburg und Berlin nach den jüngsten Strompreiserhöhungen rund 100 000 Kunden verloren hat. (mit AFP)

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