Energiewende : Mieterstrom: Energie vom eigenen Dach

Es ist einfacher, Zustimmung für Investitionen in erneuerbare Energien zu bekommen als in Energieeffzienz, bedauert der Chef der Dena in seinem Standpunkt.

Andreas Kuhlmann
Die Stromrebellen in Schönau haben mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) schon Mieterstrom angeboten, als noch niemand auf die Idee gekommen wäre, ihn so zu nennen. Das Foto zeigt die halb-legale Solaranlagen auf dem Kirchendach der Kleinstadt im Südschwarzwald.
Die Stromrebellen in Schönau haben mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) schon Mieterstrom angeboten, als noch niemand auf die...Foto: dpa

Das Mieterstromgesetz ist Teil des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), dem großen Hebel der Energiewende. Mit dem EEG konnte der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf mittlerweile über 30 Prozent gesteigert werden. Das EEG begünstigt den Eigenverbrauch. Der selbst verbrauchte Strom ist zum großen Teil von Abgaben befreit. Aber davon profitierten bisher nur Eigenheimbesitzer und Gewerbetreibende. In Mietshäusern lohnte es sich kaum, Strom aus einer Photovoltaikanlage direkt an die Bewohner zu liefern. Zu hoch waren die administrativen, organisatorischen und rechtlichen Hürden, zu gering die Renditen.

Um das zu ändern, garantiert das Mieterstromgesetz den Anlagenbetreibern in Zukunft einen zusätzlichen Zuschlag für den Strom, den sie direkt an die Mieter liefern. Der Zuschlag wird über die EEG-Umlage finanziert. So können Mieter Sonnenstrom vom eigenen Dach beziehen und zahlen dafür voraussichtlich günstigere Preise, weil Netzentgelte, Abgaben sowie Stromsteuer entfallen und weil der Preis für den Mieterstrom auf 90 Prozent des in dem jeweiligen Netzgebiet geltenden Grundversorgungstarifs gedeckelt werden soll.

Mieterstrom und Gerechtigkeit

Das Gesetz hat einige Aspekte, die weiter beobachtet werden müssen. Wie handhabbar sind die Regelungen tatsächlich für den alltäglichen Gebrauch? Oder: Es wird zu Einnahmeausfällen bei Netzentgelten, Abgaben und Stromsteuer kommen. Die Last wird auf weniger Schultern verteilt, die Entgelte  und Umlagen werden für die verbleibenden Zahler steigen, wenn auch nur geringfügig. Die Regelungen werden insgesamt noch mal etwas komplizierter, als dass sie endlich insgesamt einfacher würden. Hinzu kommt, dass die Netzentgelte regional unterschiedlich ausfallen. Mieterstrom könnte dazu führen, dass die Netzentgelte gerade in Städten mit vielen Mieterstromhäusern stärker ansteigen als in anderen Regionen. Wenn Mieterstrommodelle den gewünschten Erfolg haben, wird das die Diskussionen über eine gerechte Verteilung der Kosten für Netzbetrieb und Netzausbau weiter verstärken. Und dennoch ist das Mieterstromgesetz eine wichtige Initiative.

In der zweiten Phase der Energiewende steht der Mensch viel stärker im Mittelpunkt. Also müssen wir neue Möglichkeiten der Teilhabe schaffen.

Heizungsverbrauch: Transparenz schafft Effizienz

Es gibt aber noch viel einfachere und unmittelbarere Möglichkeiten für Mieter Energiewende mitzugestalten. Auf den energetischen Zustand eines Hauses haben Mieter wenig Einfluss. Dafür ist der Eigentümer verantwortlich. Mieter können jedoch immerhin ihren Wärmeverbrauch steuern. Nur leider sind sie darüber meist schlecht informiert. Die meisten Deutschen kennen ihren Heizungsverbrauch nicht. Einmal im Jahr bekommen sie eine Abrechnung, die ihnen offenbar nicht viel sagt. Dabei ginge es auch anders. Voraussetzung dafür ist, dass die Daten zum Heizungsverbrauch per Funk erfasst und online anschaulich aufbereitet werden. Mieter können dann zum Beispiel regelmäßig ihren Verbrauch mit dem Vormonat, dem Vorjahr oder dem durchschnittlichen Verbrauch im Haus vergleichen.

Die Dena hat gemeinsam mit dem Energiedienstleister Ista, dem Deutschen Mieterbund und dem Bundesumweltministerium untersucht, was passiert, wenn Mieter regelmäßig Informationen über ihren Heizungsverbrauch erhalten. Über mehrere Jahre wurden die Heizungsverbräuche von rund 1000 Mieterhaushalten in Essen, München und Berlin ausgewertet. Rund 200 Mieter wurden regelmäßig informiert. Im Vergleich zum Projektstart konnten sie ihren Verbrauch im Durchschnitt um zehn Prozent senken. Im gleichen Zeitraum ging der Verbrauch in Miethäusern ohne vergleichbare Informationen nur um zwei Prozent zurück. Pro Jahr würde die Dienstleistung etwa 20 Euro kosten – weniger, als die meisten Mieter mit Hilfe der Informationen an Heizkosten sparen. Ab einer Wärmeeinsparung von vier Prozent pro Jahr rechnet sich die monatliche Verbrauchsinformation für einen Mieterhaushalt. 90 Prozent der Teilnehmer waren von dem Service so überzeugt, dass sie ihn weiterempfehlen können.

Verbrauchsinformationen für 21 Millionen Mieterhaushalte

Das Pilotprojekt hat gezeigt: Monatliche Verbrauchsinformationen helfen Mietern, Wärme und Heizkosten einzusparen. Die Kosten sind überschaubar. Doch anders als beim Mieterstromgesetz kommt die Debatte um die dafür notwendigen politischen Rahmenbedingungen nicht voran. Es geht wie immer darum, wer die – wenn auch geringfügigen – Kosten trägt. Der Mieter, der Eigentümer oder ein Förderprogramm. Wie ärgerlich das ist, zeigt ein kleiner Zahlenvergleich zwischen dem, was nun beim Mieterstromgesetz geplant ist und dem, was durch bessere Verbrauchsinformation möglich wäre: Schätzungen des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge könnten für das Mieterstromgesetz bis zu 3,8 Millionen Haushalte infrage kommen. Bessere Verbrauchsinformationen dagegen könnten allen Haushalten helfen. Die zusätzlichen Kosten für die Förderung von Mieterstrom liegen bei rund 130 Millionen Euro pro Jahr, wenn das Maximalpotenzial ausgeschöpft wird. Getragen werden sie von allen Stromverbrauchern, die zur Zahlung der EEG-Umlage verpflichtet sind. Hinzu kommen insbesondere Einnahmeausfälle der öffentlichen Hand bei den Entgelten, Abgaben und Steuer, von denen Mieterstrom befreit ist.

Andreas Kuhlmann ist Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur (Dena).
Andreas Kuhlmann ist Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur (Dena).Foto: Dena

Mieterinformation setzt dort an, wo wir noch viel mehr tun müssen: bei der Energieeffizienz, insbesondere im Wärmesektor. Alle 21 Millionen Mieterhaushalte könnten davon profitieren. Bei 20 Euro Kosten pro Haushalt und Jahr lägen die Kosten insgesamt bei rund 400 Millionen Euro. Und diese Kosten werden durch die eingesparten Heizkosten mehr als kompensiert. Die CO2-Einsparungen wären erheblich. Trotzdem können sich die entscheidenden Akteure – Gesetzgeber, Vermieter, Mieter, Anbieter – nicht einigen, wer die Investition trägt. Offensichtlich ist es im Energiewendeland Deutschland immer noch einfacher, Investitionen für erneuerbare Energien anzustoßen als für Energieeffizienz.

Das ist bedauerlich, weil hier tatsächlich alle Mieter einbezogen werden könnten. Beim Mieterstrom haben ja nur die Mieter eine Wahl, auf deren Haus Investoren eine Solaranlage installieren. Mieterstrom setzt dort an, wo wir in der Energiewende schon weit fortgeschritten sind: beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor.

Über die EEG-Umlage zahlen Stromverbraucher in Deutschland mittlerweile deutlich über 20 Milliarden Euro pro Jahr an die Erzeuger von Strom aus Wind, Sonne, Biomasse, Wasser oder Geothermie. Im Bereich Energieeffizienz steht, alle Fördergelder zusammengenommen, nur etwa ein Zehntel dieser Summe zur Verfügung. Die Bundesregierung hat in der aktuellen Legislaturperiode viel dafür getan, um Energieeffizienz mehr in den Fokus zu rücken, zum Beispiel mit dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz und dem Grünbuch Energieeffizienz. Dennoch sind die Potenziale längst nicht ausgeschöpft. Selbst für Maßnahmen, die sich relativ schnell wirtschaftlich rechnen, braucht es starke Impulse, um mehr Dynamik in den Markt zu bekommen – zum Beispiel durch mehr Markttransparenz, Qualitätssicherung, Innovation und Verbraucherinformation.

Neue Märkte für verbrauchernahe Dienstleistungen

Digital verfügbare Verbrauchsinformationen wie etwa zum Heizungsverbrauch können nicht nur direkt zur Steigerung der Energieeffizienz beitragen, sie sind auch eine wichtige Grundlage für die Entwicklung neuer Energiedienstleistungen. Genau darin liegt ein Schlüssel für die neue Phase der Energiewende. Je größer ihre Tragweite, je komplexer die Zusammenhänge und Wechselwirkungen, desto weniger werden wir die Energiewende von oben beziehungsweise top-down durchplanen können. Es kommt jetzt darauf an, bottom-up anzusetzen; Energiewende stärker vom Kunden zu denken. Mit Hilfe der Digitalisierung können innovative Unternehmen die Bedürfnisse der Verbraucher besser analysieren und maßgeschneiderte Dienstleistungen entwickeln, die auch zum Gelingen der Energiewende beitragen. Damit diese Märkte sich entwickeln können, braucht es Rahmenbedingungen, die einen fairen Wettbewerb für alle Akteure ermöglichen. Es ist an der Zeit, dass diese Chance erkannt wird. Die regelmäßige Information der Mieter über ihren Heizungsverbrauch wäre dafür ein guter Ansatz.

Andreas Kuhlmann leitet seit 2015 die bundeseigene Deutsche Energieagentur (Dena). Sein Standpunkt ist am 21. Juni 2017 im Tagesspiegel-Politikbriefing Background Energie und Klima erstmals veröffentlicht worden.

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