Energiewende : Zum Nachbarn für eine Tasse Strom

In der Stadt der Zukunft können die Bewohner ihre Energie selbst erzeugen und nach Bedarf verkaufen. Pioniere in New York nutzen dafür die Digitalisierung und die Blockchain-Technologie.

Eric Marx, New York
Revolution von ganz unten: Lawrence Orsini hat im Keller des Hauses von Eric Frumin (rechts) einen intelligenten Stromzähler installiert. Das Gerät arbeitet in einem Netz mit der Blockchain-Technology. So kann Eric Frumin seinen Solarstrom nicht nur an die Nachbarn liefern, sondern auch die Bezahlung abwickeln.
Revolution von ganz unten: Lawrence Orsini hat im Keller des Hauses von Eric Frumin (rechts) einen intelligenten Stromzähler...Foto: TransActive Grid

Was geschah wirklich am 11. April 2016, dem Tag als zwei Nachbarn in der President Street in Brooklyn die Blockchain-Technologie nutzten, um Sonnenenergie direkt zu verkaufen und zu kaufen? Eine neue Art Kleinstnetz wurde geboren, meinen die Unterstützer des Projekts namens „Brooklyn Microgrid“. Es macht sich die Blockchain-Software zunutze, die bislang nur aus dem Finanzsektor bekannt ist, um Strom aus den Solarzellen auf den Dächern zu zählen und die Transaktion aufzuzeichnen. Das Projekt könnte eines Tages Stromnetz ermöglichen, die Verbraucher untereinander verbinden und unabhängig von konventionellen Netzen arbeiten.

Experten bezeichnen den Trend bereits als "Tsunami" für die Energiewelt.

Ein Blockchain-System wird von keinem externen Energieversorger kontrolliert: Um Betrug zu verhindern, überwachen sich die Computer in der Blockchain gegenseitig. Das sei transparent und einfach zugleich, sagt Lawrence Orsini, der Gründer von LO3 Energy, einer Firma, die das Brooklyn Microgrid finanziert. „Damit kommen wir an einen Punkt, an dem eine einzelne Person mit einem einzelnen Solarpanel am Endkundenmarkt teilhaben kann“, sagt Orsini.

Das Besondere der Blockchain-Technologie ist, dass sie Preissignale ermöglicht, die zeitgleich auf Signale von intelligenten Zählern reagieren. So bekommt man ein autonomes System, das ohne einen Energieversorger funktioniert und die Leistung dorthin senden kann, wo sie gebraucht wird. Ziel ist, den Preis der Elektrizität mit dem Strom mitzuschicken, wenn er durch das Kabel zum Endverbraucher fließ. Das wird auch als Transaktive Energie (TE) bezeichnet.

Orsini will das Projekt als genossenschaftliche Organisation betreiben, in der die Bewohner des Viertels Miteigentümer sind, sagt er. Die Gemeinschaft solle alle Anlagen für die Erzeugung von erneuerbaren Energien selbst besitzen und die Mitglieder sollen ein Mitspracherecht haben, wie das erlöste Einkommen genutzt wird. So könnte man beispielsweise in städtischen Umgebungen, wo nicht jeder Zugang zu einem Dach hat, Teileigentum eines Solarpanels erwerben, solange es in derselben Nachbarschaft liegt.

Über 130 Gebäude haben sich bisher bei LO3 angemeldet – unter anderem Reihenhäuser, Hochhäuser des sozialen Wohnungsbaus und Schulen, aber auch ein Lebensmittelladen, eine Tankstelle und ein Feuerwehrgebäude.

"Man muss die Bürger mit den Investitionen vernetzen"

LO3 entwickelt derzeit eine App, mit der Besitzer von Solarpaneelen ihre Produktion überwachen und Überschüsse gemäß ihren persönlichen Vorlieben verkaufen können. Schon bald könnte die App Batterien, Generatoren und Photovoltaikpaneele auf Gebäuden kontrollieren.

Auf deutscher Seite gibt es bereits ähnliche Überlegungen: „Man muss die Bürger mit den Investitionen vernetzen“, sagt Andreas Wieg, Direktor der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften (DGRV). Bislang aber habe die deutsche Regierung Genossenschaften nicht ausdrücklich in die derzeit stattfindenden Versuche zu intelligenten Stromnetzen eingebunden. Stattdessen läge das Gewicht darauf, die Vermarktung erneuerbarer Energien auf den Strommärkten zu fördern.

Bisher wird dieses Geschäft größtenteils von Softwareunternehmen und den Energieversorgern gemacht. Sie rüsten ihre Netzwerke zurzeit für mehr Flexibilität im Stromnetz um. Damit verbessern die Energieversorger das Zusammenspiel der Energiequellen und können sogar den Bedarf an kostspieligen Investitionen in das lokale Stromverteilernetz senken. Da ist es kein Wunder, dass die Bundesregierung den Einsatz dieser sogenannten virtuellen Kraftwerke vorangetrieben hat.

Dass Konsumenten sich selbst mit Energie versorgen, ist grundsätzlich nicht gut für die großen Stromerzeuger. Wer Strom selbst produziert, zahlt auch keine Netzentgelte. Noch macht das nicht viel aus, könnte aber mit wachsender Eigenstromerzeugung zum Problem für die Netzbetreiber werden. Deshalb wird zurzeit das Konzept von Flatrates diskutiert, mit denen der gesamte Verbrauch inklusive der Netzentgelte abgedeckt würde. Eine Lösung zur Steuerung des Verbrauchs könnten flexible Tarife sein. Wenn mittags viel Solarstrom anfällt, wäre er dann auch billiger. Solche regulatorischen Änderungen könnten in den nächsten fünf bis zehn Jahren Wirklichkeit werden.

Eine Bewegung von unten nach oben

Für Andreas Wieg läge die Lösung darin, einen neuen Strommarkt zu erschaffen, der flexible lokale Strukturen belohnt, die einer Gemeinschaft gehören und von ihr betrieben werde. „Die Genossenschaften sind motiviert, sich stärker zu engagieren, aber es ist noch zu kompliziert, ein Verteilernetz zu betreiben oder ein intelligentes Netzprojekt aufzubauen“, meint Wieg. Zwar schaffen einige Gemeinschaften Ladegeräte für die Elektromobilität an. Aber deren Kosten belaufen sich sehr schnell auf 100.000 Euro und mehr und sind damit unerschwinglich.

Doch vielleicht, fügt Wieg hinzu, „können Genossenschaften mittels der TE-Technologie Elektrizitätslieferanten für ihre Mitglieder werden.“

Städteplaner meinen, dass das Smart Grid neu gedacht werden muss, und zwar als eine Bewegung von unten nach oben. „Diese intelligenten, sich selbst organisierenden Systeme entwickeln sich“, sagt Nebojsa Nakicenovic, Professor für Energiewirtschaft an der Technischen Universität Wien, und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WGBU).

Schnell voranschreitende Digitalisierung macht dies möglich, aber ebenso wichtig ist eine neue Denkweise, die die Stadtränder oder Vororte als entscheidenden Wachstumsfaktor mitdenkt, heißt es im Gutachten des WGBU. Städte werden in den kommenden Jahrzehnten zusätzlich drei Milliarden Menschen aufnehmen müssen, warnt Professor Nakicenovic, Co-Autor des kürzlich veröffentlichten Berichts „Der Umzug der Menschheit: die transformative Kraft der Städte“.

Städte würden demnach in Zukunft aus zahlreichen Netzen verschiedener Größen bestehen, in denen Dienstleistungen in bisher nicht gekannter Weise kombinierbar sind. Teilhabe auf lokaler Ebene, wie sie LO3 in Brooklyn praktiziert, wird nach Ansicht von Nakicenovic künftig unbedingt erforderlich sein. Genauso wichtig aber sei es, zusätzliche Energieleitungen vom Umland in die Städte zu schaffen. „Transaktions-Energie bringt uns einen großen Schritt voran. Aber wir müssen uns anstrengen, um ans Ziel zu gelangen“, sagt er. Übersetzt von Cora Josting

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