England : Seuchen-Virus stammt aus Labor

In England geht die Angst vor einem neuen flächendeckenden Ausbruch der Maul- und Klauenseuche um. Auch in Südengland wurde das Virus jetzt entdeckt. Es stammt offenbar aus einem Forschungslabor.

Maul- und Klauenseuche
Vorbeugung: Die englischen Behörden tun alles um eine erneute Verbreitung der Seuche zu verhindern. -Foto: AFP

LondonDer Erreger der in England ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche stammt offenbar aus einem tiermedizinischen Forschungslabor. Nach Angaben des britischen Agrarministeriums vom Samstagabend ist der bei rund 60 Kühen entdeckte Erreger identisch mit einem ursprünglich für Impfungen gezüchteten Stamm in einem knapp sechs Kilometer entfernten Labor.

Es sei noch unklar, wie das Virus auf die Farm überspringen konnte, erklärten Experten im BBC-Fernsehen. Chef-Veterinärin Debby Reynolds hatte zuvor mitgeteilt, die Sicherheit im Institut für Tiergesundheit in Pirbright unweit der betroffenen Farm werde überprüft. Dort wurden seit vielen Jahren Forschungen zur Maul- und Klauenseuche unternommen.

Schutzmaßnahmen auch in Deutschland

Rund sechseinhalb Jahre nach dem verheerenden Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien ist das Virus in Südengland erneut aufgetreten. Die britische Regierung verhängte ein umfassendes Exportverbot für Tiere und Fleisch. Sie kam damit einem für Montag erwarteten EU-Exportverbot zuvor. Die britischen Behörden befürchten weitere Fälle der hoch ansteckenden Tierkrankheit. Die Untersuchungen seien ausgedehnt worden, hieß es beim staatlichen Veterinärmedizinischen Dienst. In Deutschland liefen unterdessen erste Schutzmaßnahmen an. Einige Bauernhöfe wurden vorsorglich gesperrt.

Die britische Chef-Veterinärin Debby Reynolds sagte, es werde geprüft, ob es in Labors möglicherweise Infektionsherde geben könnte. Auch illegale Tiertransporte seien im Visier der Behörden. Eine absichtliche Freisetzung des Virus werde ebenfalls nicht von vornherein ausgeschlossen. Allen Hinweisen werde nachgegangen. Dazu gehört nach Angaben von Reynolds auch eine Überprüfung der Sicherheit im Institut für Tiergesundheit in Pirbright, das in der betroffenen südenglischen Grafschaft Surrey liegt. In dem Institut wird zur Maul- und Klauenseuche geforscht. "Es ist wichtig, dass wir keine Möglichkeit ausschließen", sagte die Chef-Veterinärin. Noch sei die Quelle der Infektion von rund 60 Rindern auf einer Farm in Surrey jedoch weitgehend unklar.

Fünf Tiertransporte aus England ermittelt

Nach Angaben eines Sprechers des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin wurden fünf Tiertransporte aus Großbritannien in den vergangenen 30 Tagen ermittelt. Es handele sich um vier Schaf-Transporte mit mehreren Tieren und um ein Rind aus Schottland. Die Tiere würden nun untersucht. Da sie aus Gegenden stammten, die weit entfernt von dem von der Seuche betroffenen Hof in Südengland seien, bestehe die Hoffnung, dass sie nicht befallen seien.

In mindestens zwei Bundesländern wurden einige Bauernhöfe für die nächsten Tage gesperrt. Das bedeutet, dass Tiere nicht hinein- oder heraustransportiert werden dürfen. In Hessen waren 18 Schafe aus einem britischen Betrieb, der sich rund 150 Kilometer von der Ausbruchsstelle der Seuche befindet, an einen deutschen Bauernhof geliefert worden. Von dort wurden die Schafe an andere Betriebe weiterverkauft, unter anderem auch in Hessen und Rheinland-Pfalz. Das sagte ein Sprecher des hessischen Umweltministeriums.

Exportverbot in Großbritannien

Premierminister Gordon Brown versprach, es werde "alles unternommen, was in unseren Kräften steht", um eine erneute verheerende Epidemie zu unterbinden. Eine Sprecherin des Agrarministeriums sagte: "Wir haben freiwillig eine Sperre für alle Exporte aus Großbritannien in alle Länder angeordnet. Dies schließt lebende sowie geschlachtete Tiere, Fleisch und Milch ein - und zwar mit sofortiger Wirkung." Das Exportverbot gelte für alle Paarhufer, darunter Rinder, Schafe und Schweine. Die EU-Kommission hatte zuvor bereits Ausfuhrbeschränkungen für britische Fleischprodukte angekündigt. Über den Umfang soll am Montag entschieden werden. Japan gab am Samstag ein Importverbot für britisches Fleisch bekannt.

Die britischen Behörden arbeiteten "Tag und Nacht", um die Seuche einzudämmen, sagte Brown. Experten konzentrierten sich darauf, die Quelle des Virus zu finden. "Wir müssen der Seuche auf den Grund kommen und sie ausrotten." Das Krisenkomitee COBRA der Regierung werde alle erforderlichen Maßnahmen koordinieren. Das Komitee wird von Brown persönlich geleitet, der dafür seinen Urlaub abbrach.

Landesweites Verbot von Tiertransporten

Am Freitagabend war bei rund 60 Rindern eines Hofes im südenglischen Wanborough die Maul- und Klauenseuche (MKS) festgestellt worden. "Wir haben umgehend die Tötung aller Rinder der Farm sowie die Verbrennung der Kadaver angeordnet", sagte Reynolds. Zugleich wurden im gesamten Land Transporte von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen verboten.

Der jetzige MKS-Ausbruch ist nach britischen Angaben der erste in Europa, seit sich die Seuche Ende Februar 2001 von einem Viehzuchtbetrieb aus auf ganz England sowie auf Teile Frankreichs und der Niederlande ausdehnte. Damals waren allein in England mehr als sechs Millionen Tiere getötet worden. Die EU-Kommission hatte seinerzeit sofort ein umfassendes Exportverbot für britisches Fleisch verhängt. Die Schäden für die britische Wirtschaft wurden auf 8,5 Milliarden Pfund (12,6 Milliarden Euro) geschätzt. Die MKS-Epidemie war im Januar 2002 von der EU-Kommission für beendet erklärt worden. Für Menschen ist der Erreger ungefährlich. (mit dpa)

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