England : Zocken um den Wahltermin

Vor dem Labour-Parteitag steht der britische Premier Gordon Brown in den Umfragen gut da und vor einem Dilemma. Wann ist der beste Termin für Neuwahlen?

Markus Hesselmann[London]

Britische Premierminister müssen gute Zocker sein. Gordon Brown steht dabei ganz besonders unter Druck. Wie seine Vorgänger darf er innerhalb der fünfjährigen Wahlperiode den für ihn besten Wahltermin aussuchen. Wird Tony Blairs Nachfolger die Chance möglichst früh ergreifen, um den Makel los zu werden, dass ihn das Volk bislang nicht bestätigt hat? Oder spielt er auf Zeit, womöglich bis 2010, und umgeht so das Risiko, als Premier mit einer der kürzesten Amtszeiten in die britische Geschichte einzugehen?

Seit Wochen, eigentlich seit Browns Amtsantritt Ende Juni, spekulieren die britischen Medien über den Wahltermin. Vor dem Labour-Parteitag, der heute in Bournemouth beginnt und bis Donnerstag dauert, haben sich die Gerüchte noch einmal verstärkt, dass Brown das Volk noch in diesem Herbst entscheiden lassen will. „Wir sind bereit für die Wahl“ – so spitzt der „Guardian“ vom Sonnabend ein Interview mit Browns Kampagnenchef Douglas Alexander zu. Dass Brown schon kurz nach seiner Amtsübernahme mit Douglas Alexander eine Art Wahlkampfleiter benannt hat, brachte die Spekulationen sofort in Gang. Die meisten Beobachter rechnen zwar nicht damit, dass Brown bei seiner ersten Parteitagsrede als Premierminister am Montag einen Termin nennt. Aber sie gehen auch nicht davon aus, dass er eine baldige Wahl ausschließt.

Gute Umfrageergebnisse lassen einen frühen Termin für Brown sinnvoll erscheinen. Der Labour-Premier, der am 5. Oktober hundert Tage amtiert, führt souverän in den Meinungsumfragen, trotz aller Katastrophen seiner noch kurzen Regierungszeit – oder gerade deswegen. „Er vermittelt den Leuten ein gewisses Gefühl von Sicherheit“, sagt Gerry Hassan vom Thinktank Demos. Nach dem glamourösen, aber am Ende nicht mehr glaubwürdigen Politstar Tony Blair scheint der Buchhaltertyp Brown in Zeiten der Fluten, Tierseuchen, Bankenkrisen und Terrorgefahren auf einmal genau der richtige Mann zu sein. Sein Gegner, Tory-Chef David Cameron, hat sich dagegen hyperaktiv als eine Art neuer Tony in Szene gesetzt. Wie einst Blair will er seine Partei radikal reformieren – in Zeiten, in denen die Briten nicht so sehr Veränderung als vielmehr Sicherheit suchen.

Doch Gerry Hassan, der die britische Linke seit langer Zeit beobachtet, sieht mittelfristig Probleme für Labour: „Niemand weiß mehr, wofür die Partei eigentlich steht.“ In den letzten zehn Jahren sei die Zahl der Parteimitglieder um deutlich mehr als die Hälfte auf 170 000 geschrumpft. Die Parteilinke wolle zwar in Bournemouth gemeinsam mit den Gewerkschaften auf sich aufmerksam machen, doch auch ihr fehlten Profil und Konzepte. „Die Marktwirtschaftspolitik Margaret Thatchers, die auch New Labour fortgesetzt hat, ist in Großbritannien Konsens“, sagt Gerry Hassan.

Gordon Brown interessieren solche strategischen Erwägungen derzeit nur wenig. Nach zehn Jahren als Finanzminister und zweiter Mann hinter Tony Blair war seine ganze politische Strategie von Anfang an darauf angelegt, diese eine Wahl um jeden Preis zu gewinnen. Um diesen großen Sieg muss er jetzt zocken. Sollte Gordon Brown vor dem 25. Oktober wählen lassen und verlieren, wäre er der am kürzesten amtierende britische Premierminister aller Zeiten. Der Tory George Canning war im Jahr 1847 nur 119 Tage im Amt. Dahinter verbirgt sich allerdings kein politischer Poker, sondern eine menschliche Tragödie. Canning starb im Alter von 57 Jahren an einer Lungenentzündung.

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