''Entartete'' Kultur : Kardinal Meisner nimmt umstrittene Aussage nicht zurück

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner muss heftige Kritik einstecken. Eine Entschuldigung für seine Äußerung, Kultur ohne Gottesbezug sei "entartet", gibt es bisher jedoch nicht.

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Kardinal Joachim Meisner -Foto: ddp

KölnMeisner habe sich nach der Welle der Empörung vom Wochenende nicht weiter von seiner Dienstreise in Rumänien aus zu dem Thema geäußert, erklärte eine Sprecherin des Erzbistums. Es bleibe bei den Worten aus seiner Predigt vom Freitag - "unabhängig von dem Hagel der Kritik". Der Erzbischof hatte gesagt: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte." Die katholische Deutsche Bischofskonferenz wollte sich nicht zu der Wortwahl äußern.

Ein Sprecher des Kölner Erzbistums betonte, gemeint sei die gesamte Gesellschaft, die in einem "entgöttlichten Zusammenleben" degeneriere. "Wenn der Kardinal geahnt hätte, was er mit dem Wort 'entartet' auslöst, hätte er ein anderes genutzt - zum Beispiel 'verkommt'", meinte Sprecher Christoph Heckeley. Es seien keine Künstler oder Kunstwerke gemeint und keine Diffamierung beabsichtigt gewesen. Den Vorwurf, der 73-jährige Meisner habe sich durch die Verwendung eines von den Nationalsozialisten missbrauchten Begriffs deren Sprache zu eigen gemacht, habe der Kardinal bereits klar zurückgewiesen. Meisner ist noch bis Ende der Woche auf Reisen.

Die Bezeichnung "entartet" ist untrennbar mit der Propaganda und Hetze der Nationalsozialisten verbunden. Sie hatten rund 16.000 moderne Kunstwerke - vor allem expressionistische und abstrakte Kunst - beschlagnahmt und zum Teil zerstört. Viele Künstler wurden von den Nazis verfolgt, mit Berufs- und Ausstellungsverbot belegt. Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Fritz Kuhn, verlangte eine klare Distanzierung der Deutschen Bischofskonferenz von der Meisner-Äußerung. Die Bischofskonferenz sagte aber auf Anfrage in Bonn, es handele sich um einen Vorgang im Erzbistum Köln, der nicht kommentiert werde.

Meisner bedauert "Missinterpretation eines einzelnen Wortes"

Meisner entschuldigte sich bisher nicht, sondern bedauerte lediglich die "Missinterpretation eines einzelnen Wortes". Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und einzelne Politiker hatten seine Äußerung als "indiskutabel" bezeichnet. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte den Erzbischof einen "geistigen Brandstifter" genannt. Auch aus Kultur und Politik hagelte es empörte Stimmen. Der Publizist Ralph Giordano warf dem Erzbischof mangelndes Geschichtsbewusstsein vor. "So sensibilisiert ein großer Teil unserer Gesellschaft ist, wenn es um Termini des Nationalsozialismus geht, so unsensibel ist Kardinal Meisner", sagte er.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, meinte: "Der Kölner Kardinal schadet dem Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland." Er sei "nicht ein Mann des Wortes, sondern des verbalen Fehltritts." Meisner habe sich bereits als "geistiger Brandstifter" erwiesen, als er vor knapp drei Jahren Abtreibungen mit dem Holocaust verglich. Damals war der Erzbischof, der vielen als Hardliner gilt, nach heftiger Kritik von seiner Äußerung abgerückt. (mit dpa)

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