Entführte Boeing : Geiseln: "Es war eine schreckliche Nacht"

Einen Tag nach der Entführung eines Flugzeugs im Sudan haben die Luftpiraten alle Passagiere in Libyen freigelassen. Die beiden Entführer sowie die sechs Besatzungsmitglieder befinden sich allerdings noch immer in der Maschine.

KhartumEin libyscher Behördenvertreter erklärte am Mittwoch die Freilassung aller Passagiere des entführten Flugzeugs aus dem Sudan. An Bord des Flugzeuges der sudanesischen Fluggesellschaft Sun Air befänden sich jetzt nur noch sechs Besatzungsmitglieder sowie zwei Entführer, die einer Rebellenbewegung aus der Konfliktregion Darfur angehörten, sagte ein Sprecher. Die libyschen Verhandlungsführer wollten nun versuchen, die Entführer dazu zu bringen, auch den Piloten und die anderen Besatzungsmitglieder freizulassen. Insgesamt waren mehr als einhundert Menschen an Bord der Boeing 737, die am Dienstag während eines Inlandsflugs von der westsudanesischen Krisenregion Darfur in die Hauptstadt Khartum entführt worden war.

In der Maschine, die seit Dienstagabend auf einem Flughafen in Libyen steht, wurde die Lage für die Passagiere immer dramatischer. Die libysche Nachrichtenagentur Jana berichtete am Mittwoch, der Pilot der Boeing 737 habe den Flughafenmitarbeitern in Al-Kafra über Funk berichtet, wegen der Hitze an Bord seien mehrere Fluggäste ohnmächtig geworden. Die Entführer hatten sich jedoch zunächst geweigert, sie freizulassen. Auch die Türen des Flugzeuges, das die Entführer auf einem Inlandsflug von der sudanesischen Unruheprovinz Darfur in die Hauptstadt Khartum in ihre Gewalt gebracht hatten, blieben verschlossen.

Der Pilot der Maschine der privaten sudanesischen Luftfahrtgesellschaft Sun Express hatte dem Flughafendirektor von Al-Kafra am Dienstag per Funk eine Botschaft der Entführer übermittelt. Darin forderten sie, die Maschine solle aufgetankt werden. Anschließend entwickelte sich ein Dialog, in dessen Verlauf sich die Entführer zur Freilassung der Passagiere bereiterklärten. Als Vermittler fungierte der Pilot. Gelegentlich sprachen die Entführer auch direkt mit den Libyern. Ein freigelassener Passagier sagte der staatliche Nachrichtenagentur Jana: "Wir haben eine schreckliche Nacht in diesem Flugzeug verbracht. Alle hatten große Angst."

Gewalt, Hungersnöte und Krankheiten schwächen Darfur

In Darfur kämpfen seit 2003 Rebellenorganisationen gegen regierungsfreundliche arabische Reitermilizen und die sudanesischen Streitkräfte. Dabei kamen nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zu 300.000 meist unbeteiligte Menschen durch Gewalt, Hungersnöte und Krankheiten ums Leben. Mehr als 2,2 Millionen Menschen mussten aus ihren Häusern flüchten.

Die etwa zehn Luftpiraten gehören nach eigenen Angaben der Sudanesischen Befreiungsarmee (SLA) aus der Krisenregion an. Offenbar wollten sie mit der entführten Maschine nach Paris fliegen, wo SLA-Chef Abdel Wahid Mohammed Nur lebt.

Ein Sprecher der SLA vermutete einen Zusammenhang zwischen der Flugzeugentführung und der Krise in Darfur. Es handele sich um eine "Konsequenz dessen, was die Regierung in Flüchtlingslagern in Nyala tut", sagte das SLA-Führungsmitglied Ibrahim al-Hillo. Am Montag waren die sudanesischen Sicherheitskräfte in das Flüchtlingslager Kalma nahe dem Flughafen von Nyala eingedrungen. Bei anschließenden Schießereien kamen mindestens 33 Menschen ums Leben. (mpr/tos/AFP/dpa)  

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