Politik : Entführten Milizen Briten im Irak?

Andrea Nüsse

Auch wenn Entführungen im Irak seit dem Sturz Saddam Husseins zum Alltag gehören – die Verschleppung der fünf Briten im Finanzministerium markiert eine neue Etappe. Erstmals wurden westliche Ausländer aus einem scharf bewachten Regierungsgebäude entführt, ohne dass dabei ein Schuss fiel. Die 40 Entführer trugen die neuen Uniformen einer Sondereinheit des Innenministeriums und fuhren laut Zeugenberichten mit 19 Geländewagen vor, die von den irakischen Sicherheitskräften benutzt werden. Die Bewacher des Finanzministeriums glaubten entweder, sie hätten es mit Kollegen zu tun – oder es gab Mitwisser. Es ist bekannt, dass die dem Innenministerium unterstellten Truppen von schiitischen Milizen unterwandert sind. So hatten im November 2006 Polizisten in Uniform eines Kommandos des Innenministeriums etwa 200 irakische Angestellte aus dem Ministerium für höhere Bildung in Bagdad verschleppt, von denen Dutzende nie wieder aufgetaucht sind.

Die Ausführung der Tat macht es unwahrscheinlich, dass einfache Kriminelle dahinterstecken, die für einen Großteil der Entführungen im Irak verantwortlich sind. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die Uniformen der Einheit gestohlen waren, oder ob Angehörige der Sondereinheit selbst die Täter sind. Im ersten Fall wäre es denkbar, dass eine zu Al Qaida gehörende Gruppe die Tat ausführte. Doch im Irak wird vermutet, dass es sich um Mitglieder einer schiitischen Miliz handelt, die sich in die Sicherheitskräfte eingeschleust haben. Auch der irakische Außenminister Hoschjar Sebari hält es für wahrscheinlich, dass eine Miliz und keine Terrorgruppe hinter der Entführung steht. „Al Qaida wäre kaum in der Lage gewesen, eine so raffinierte Operation in diesem Teil der Stadt durchzuführen“, sagte Sebari. Die Ausführung der Tat sei „sehr sonderbar“. Die Regierung werde die Vorgänge „sehr genau untersuchen“. In einem Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC hatte Sebari darauf hingewiesen, dass der Tatort in der Nähe von Sadr-Stadt liegt, einer Hochburg der schiitischen Al-Mahdi-Miliz. Später wollte sich Sebari nicht mehr auf eine bestimmte Gruppe festlegen.

Die Al-Mahdi-Armee ist die Miliz des radikalen Predigers Muktada al Sadr, der erst vor wenigen Tagen nach viermonatiger Abwesenheit aus dem Iran zurückgekehrt war. Die britischen Streitkräfte fürchteten seit vergangenem Freitag Racheakte der Al-Mahdi-Armee. An diesem Tag hatte eine irakisch-britische Einheit den mutmaßlichen Befehlshaber der Miliz im südirakischen Basra, Abu Kadir, erschossen. Ein Sprecher al Sadrs bestritt jedoch am Mittwoch jede Beteiligung an der Entführung. Andrea Nüsse

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