Entführung in Afghanistan : Unzuverlässiger Schutz

An Umsicht haben es die entführten Deutschen offenbar nicht mangeln lassen. Jedoch haben die Sicherheitskräfte, die sie beschützen sollten, bei dem Überfall sofort die Flucht ergriffen.

BerlinErneut sind in Afghanistan zwei Deutsche entführt worden. Die Mitarbeiter eines in der Hauptstadt Kabul ansässigen Unternehmens würden seit Mittwoch vermisst, sagte ein Sprecher des Auswärtige Amtes.

Nach Angaben von Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) wurden die Deutschen in der afghanischen Provinz Wardak, hundert Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Kabul, entführt. "Wir werden alles tun, um sie wieder frei zu bekommen", betonte der Minister. Laut Außenamtssprecher sind alle relevanten Stellen eingeschaltet und bemühen sich um eine rasche Lösung des Falles. Einzelheiten wollte der Sprecher nicht nennen.

Zugleich mahnte er, über Meldungen aus Afghanistan mit "Augenmaß" zu berichten. Es gebe in dem Land örtliche Vertreter, die die Begegnung mit der Presse nicht scheuten. Einige Aussagen von afghanischer Seite seien allerdings inzwischen von der Wirklichkeit widerlegt worden.

Sicherheitskräfte ergriffen die Flucht

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios haben die fünf Polizisten, die die beiden Bauingenieure schützen sollten, bei der Geiselnahme sofort die Waffen niedergelegt und die Flucht ergriffen. Die Deutschen haben den Angaben zufolge Bau- und Entwicklungsprojekte im Auftrag der UN betreut. Sie seien in der selben Gegend entführt worden, in der vor kurzem ein Fahrzeug der deutschen Botschaft in einen Schusswechsel geraten sei. Nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden war laut ARD die Mehrzahl der Entführungen in Afghanistan bisher kriminell motiviert. Es gehe den Clans oder Kleinkriminellen nur um Lösegeld.

Die Bundesregierung will indes auch weiterhin Entwicklungsexperten in das Land schicken. "Die Sicherheitslage ist kritisch - wie die wiederholten Entführungen von Ausländern zeigen -, aber insgesamt nicht so verheerend, dass wir unsere Arbeit nicht mehr leisten können", sagte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) dem Tagesspiegel. Die deutschen Entwicklungsprojekte seien unverzichtbar für die Befriedung Afghanistans. Zur Debatte um die Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes durch den Bundestag sagte sie: "Wir müssen an der Seite der Afghanen bleiben und dürfen uns nicht davonstehlen." Allerdings gefährde "eine bestimmte Art von militärischen Aktionen, vor allem die amerikanischer Truppen", unbeteiligte Zivilisten und damit den Erfolg.

Ende Juni war in der Krisenregion erstmals seit dem Sturz der Taliban 2001 ein deutscher Zivilist entführt worden. Der 46-jährige Bauingenieur kam damals nach einer Woche wieder frei. (mit ddp)

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