Politik : Entlassen in die Geschichte

Von Moritz Schuller

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Die Geschichte wird mich gnädig beurteilen“, kündigte der britische Premier Winston Churchill an. „Denn ich werde die Geschichte schreiben.“ Tony Blairs Geschichte ist schon geschrieben und das längste Kapitel trägt die Überschrift Irak. Ohne diesen Krieg hätte er nicht seinen Rücktritt ankündigen müssen, ohne ihn müsste er das Amt nicht in die Hände eines Nachfolgers legen, dem er es nicht zutraut. Blair hätte lieber weiterregiert.

Die Epoche von „New Labour“ begann, ein historischer Zufall, mit dem Tod von Prinzessin Diana. In jenem Moment, als der gerade ins Amt gekommene Premier Blair mit dem Wort von der „Prinzessin der Herzen“ das emotionale Krisenmanagement des Landes übernahm, fand er seine zukünftige Rolle: präsidial, ganz unenglisch mit Pathos. Blair interpretierte das Amt neu, amerikanischer. Der Irakkrieg mit dem Vorwurf der Lügen ist jener Punkt, an dem sich das, was in seiner Regierungszeit lange so erfolgreich funktioniert hatte, gegen ihn zu wenden begann. Denn lange bot sein politisches Schauspiel sehr viel Dramatik: Dritter Weg, Kriege, der Streit mit der BBC und der Hutton-Bericht, der Kampf um die Studiengebühren, die Affären seiner Minister – immer stand Blair kurz vor dem Rücktritt, immer wieder rettete er sich. Dass er heute in Großbritannien so unpopulär, das Land seiner überdrüssig geworden ist, hängt damit zusammen: Wer erträgt schon zehn Jahre lang Shakespeare, mit nur einem Darsteller? Dass der Irakkrieg allein ihm, bei dem alles zusammenlief, und nicht auch seinem mächtigen Finanzminister, auf die Füße fiel, ist Konsequenz dieser präsidialen Regierungsform. Es war immer Blair, einen Blairismus gab es nie. Wohin seine Partei sich nun ohne ihn orientieren wird, ist also noch völlig offen.

Als Blair vor zehn Jahren sein Amt antrat, waren die Bedingungen so ideal wie nur ganz selten: Das Land war saniert, aber von den Konservativen gelangweilt, die Labour-Mehrheit überwältigend und Blair der Messias der Medien. Er besaß Charme und außergwöhnliches politische Talent, und er hätte in einem Land, das keine Koalitionen kennt und keine Blockaden aus dem Bundesrat, alles machen können – alles. Gemessen daran ist sein politisches Erbe vermutlich zu klein. Denn dass der Irakkrieg heute alles Übrige so sehr in den Schatten stellen kann, wirft kein gutes Licht auf das Übrige. Die Wirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, aber eine des Finanzministers. Die Verfassung- und die Föderalismusreform sind nicht weit vorangekommen; die angekündigte Revolution während der britischen EU-Ratspräsidentschaft ist ausgeblieben. Stattdessen hat er, offenbar aus voller Überzeugung, mit aller Kraft, viel Mut und Spin den Irakkrieg forciert – und damit die Erschöpfung über das Phänomen Blair zum Höhepunkt gebracht.

Tony Blair hat die Labour-Partei wählbar gemacht, er hat sie in die Mitte der Gesellschaft geführt und dort etabliert. Das ist eine eindrucksvolle Leistung. Und da sich in der Folge auch die konservative Partei einer Modernisierung unterzog, gehört zu seinem Erbe auch, das politische Spektrum Großbritanniens entradikalisiert zu haben. Nicht vollständig offenbar, denn die Linke in der Labour-Partei hat ihm, den vermeintlich rechten „Tory“ Blair, seinen Erfolg nie ganz verziehen. Aus dem Amt drängt ihn zu diesem Zeitpunkt schließlich eine Partei, die glaubt, mit dem verdrießlichen Gordon Brown bessere Wahlchancen zu haben. Labour könnte sich täuschen. Zum wahren Erben Blairs könnte so David Cameron werden, der konservative Oppositionsführer.

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