Politik : Entlassen und entlassen werden

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Von Andrea Nüsse, Amman

Es herrscht nur Konfusion. Ist der Geheimdienstchef der West-Bank, Taufik Tirawi, nun entlassen oder nicht? Während ungenannte Arafat-Vertraute am Sonntag verbreitet hatten, der Palästinenserführer habe ein entsprechendes Dekret unterschrieben, dementierte der Geheimdienstchef in den Palästinenergebieten, Amin Al- Hindi, die Information. Auch Tirawi selbst bezeichnete die Nachricht als „absolut unwahr“.

Der Vorgang ähnelt der Entlassung des mächtigen Chefs der präventiven Sicherheitsdienste in der Westbank, Dschibril Radschub, der die Entscheidung vom Donnerstag zunächst nicht akzeptierte. Seine Anhänger gingen am Sonntag in Hebron aus Protest auf die Straße. Eine Delegation der rebellierenden Offiziere hatte sich am Samstagabend mit Arafat getroffen. Sie forderte einen einflussreicheren Posten für ihren Chef Radschub als das Gouverneursamt von Dschenin und lehnte es offenbar ab, den bisherigen Gouverneur der nordpalästinensischen Stadt, Suher Mansra, als neuen Boss zu akzeptieren, weil er nicht aus dem Sicherheitsapparat selbst komme.

Arafat schlägt massiver Widerstand bei seinen Umbesetzungen im Sicherheitsapparat entgegen. Im Falle Radschubs liegt der Verdacht nahe, Arafat wolle sich eines Rivalen entledigen. Denn Radschub hatte schon mit seinem imposanten Hauptquartier, das die Amtssitze Arafats in den Schatten stellte, Machtanspruch signalisiert. Er verfügt über exzellente Kontakte zu den Amerikanern und wurde schon manchmal als „Kandidat der Amerikaner“ gehandelt. Vor einigen Monaten kam es zum offenen Streit. Arafat soll angeblich empört über mangelnde Unterwürfigkeit seine Pistole auf Radschub gerichtet haben. Während der israelischen Militärinvasion im März und April bekam Radschubs Image Kratzer: Er behauptet, er habe von palästinensischer und israelischer Seite die Zusage gehabt, dass sein Hauptquartier nicht angegriffen werde. Daher habe er noch islamistische Gefangene aus anderen palästinensischen Gefängnissen dorthin verlegt, um sie vor der israelischen Armee zu schützen. Als sein Hauptquartier dann doch angegriffen wurde, fielen diese Gefangenen den Israelis in die Hand, was die palästinensische Bevölkerung Radschub übelnahm. Er witterte eine Verschwörung.

Im Falle des Geheimdienstchefs Tirawi scheint eher die These wahrscheinlich, dass Arafat die Gunst der Amerikaner gewinnen will. Der alte Arafat-Vertraute, der während der israelischen Belagerung von Beirut ebenso an seiner Seite war wie während des monatelangen Hausarrests in Ramallah, war keine Gefahr für Arafat – und den Israelis galt er als in den Terrorismus verstrickt.

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