Politik : Enttäuschte Liebe

DIE KUNDEN DER BAHN

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Von Gerd Appenzeller

Die Bahn hat ein echtes Kunststück geschafft. Noch nie konnte sie auf ihren schnellen Strecken so perfekte und elegante Züge wie heute anbieten. Im Vergleich zum Reisen vor 30 Jahren ist das Verkehrsmittel Eisenbahn ein überaus bequemes, luxuriöses und stressfreies Vergnügen geworden. Und durch die Tarifreform vor einem knappen halben Jahr ist Bahnfahren in vielen Fällen auch noch deutlich billiger geworden.

Und wo ist das Kunststück dabei? Nichts von alledem ist beim Verbraucher als Fortschritt angekommen. Der Ruf der Bahn ist verheerend. Sie gilt als teuer, dreckig, unpünktlich und obrigkeitsstaatlich geführt. Und seit die ersten Geschichten von Bahnreisenden kursieren, die, weil sie das falsche Ticket hatten oder im falschen ICE saßen, aus dem Zug gewiesen und vom Bundesgrenzschutz „verhaftet“ wurden, ist es ganz aus. Gerade ältere Menschen haben vor der Bahn und ihrem neuen Tarifsystem richtig Angst. Bahnchef Hartmut Mehdorn solle sich besser mit Maschinen als mit Menschen befassen, heißt es – die könnten nicht protestieren, wenn man sie schikaniert.

Mehdorn hat aus der Massenflucht vor der Bahn gelernt. Die für Personenverkehr und Marketing zuständigen Vorstände müssen gehen, das neue Tarifsystem soll unter dem Gesichtspunkt der Kundenfreundlichkeit überprüft werden. Und als erster Schritt wird die dreist hohe Stornogebühr um zwei Drittel gesenkt. Alles andere folgt später, etwa eine neue Bahncard, mit der man wieder, wie bei der abgeschafften alten, 50 Prozent Rabatt bekommt. Aber reicht das? Hat Hartmut Mehdorn wirklich begriffen, was er seinem Unternehmen mit der Tarifreform angetan hat?

Vermutlich nicht. Denn es geht ja nicht nur um Geld, es geht um einen Bewusstseinswandel. Der aber hat etwas mit Mentalitäten zu tun, und die ändert man mit Einfühlungsvermögen. Das ist eine Tugend, die Mehdorn offensichtlich wirklich abgeht. Die Bahn, die die Deutschen wegen ihrer Zuverlässigkeit und relativen Preisgünstigkeit so liebten, war früher, seien wir ehrlich, ein Teil des sozialen Netzes. Rentner, Azubis und Schüler zahlten weniger, und die Bahn fuhr in die letzte Einöde, so, wie die Post den Brief zum Einheitspreis auch auf Hallig Hooge zustellt. Das meiste davon ist vorbei. Die Bahn soll an die Börse. Sie schließt unrentable Strecken, wenn die an ihrem Erhalt interessierten Bundesländer keine Zuschüsse zahlen, und am liebsten würde sie eigentlich nur noch nonstop die Route Hamburg–Basel bedienen.

Das ist ein bisschen viel Veränderung auf einmal. Mit der neuen Flexibilität des unbeliebten Tarifsystems hat Mehdorn nun auch noch den großen, alten Trumpf der Bahn geopfert – ihre Flexibilität. Wer von günstigen Preisangeboten profitieren will, muss sich, anders als früher, rechtzeitig auf bestimmte Züge festlegen. Was ist das aber für eine absurde BahnWelt, in der eine Verbindung zwischen A und B zwar stündlich bedient wird, man seine privaten oder geschäftlichen Verabredungen also ganz locker angehen könnte, aber durch das starre Tarifsystem gerade dieser wundervollen, einzigartigen Beweglichkeit beraubt wird?

Derzeit sieht es nicht so aus, als sei der Bahnchef bereit, diesen entscheidenden Fehler beheben zu lassen. Um fast 15 Prozent ist das Fahrgastaufkommen im Fernverkehr zurückgegangen. Wie diese Menschen jetzt reisen, liegt auf der Hand – mit dem Flugzeug und dem Auto. Die Deutschen und die Bahn, das war immer so etwas wie eine Liebe, auf die man ein wenig stolz war, gerade auch im internationalen Vergleich. Im Moment ist es eine enttäuschte Liebe. So etwas muss man zurückerobern oder man verliert es – für immer.

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