"Entweltlichung" : Katholische Kirche rätselt über Papstrede in Freiburg

Bei seinem Deutschlandbesuch hat der Papst harte, womöglich folgenschwere Sätze gegen den Katholizismus losgelassen. Hiesige Kirchenvertreter treibt nun die Frage um: Was sollen wir ändern?

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Zwei Wochen nach dem Papstbesuch rätseln Kirchenangehörige, was Benedikt XVI. eigentlich sagen wollte.
Zwei Wochen nach dem Papstbesuch rätseln Kirchenangehörige, was Benedikt XVI. eigentlich sagen wollte.Foto: dpa

Als Benedikt XVI., zwei Stunden vor dem Rückflug nach Rom, seine Rede im Freiburger Konzerthaus hielt, da waren die Zusammenfassungen der viertägigen Deutschlandreise schon geschrieben. Die Leitartikel waren erstellt und die Scheinwerfer schwächer geworden. Umso mehr wird jetzt diskutiert, zwei Wochen später. Denn der Papst hat harte, womöglich folgenschwere Sätze gegen den Katholizismus in seiner Heimat losgelassen. Auch die Deutsche Bischofskonferenz fragte sich diese Woche auf ihrer Herbstvollversammlung in Fulda: Was wollte Benedikt uns sagen? Was sollen wir ändern?

Die päpstliche Kritik lautet: In der „bestens organisierten“ katholischen Kirche Deutschlands gebe es einen „Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist“; es seien „kirchliche Routiniers“ am Werk, deren „Herz vom Glauben nicht berührt“ sei. Die Kirche müsse Güter und Privilegien abstreifen und sich „beherzt ent-weltlichen“.

Was aber heißt das? Über die Details hat sich Benedikt wie üblich hinweggemogelt, und so deutet jeder – Bischöfe, Gläubige, Kirchenkritiker von links und die im Internet pöbelnden Bischofskritiker von rechts – die Worte nach eigenem Gusto.

Papstbesuch in Freiburg und Erfurt
Der Papst hebt ab: Am Sonntag ging der Deutschlandbesuch des Pontifex zu Ende.Weitere Bilder anzeigen
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25.09.2011 15:50Der Papst hebt ab: Am Sonntag ging der Deutschlandbesuch des Pontifex zu Ende.

Die Schwierigkeiten beginnen bei der Frage, ob der Papst theologisch oder politisch gesprochen hat. Was also ist die „Welt“, von der die Kirche sich trennen soll: die „Welt“ des Evangeliums als Gegenteil zu „dem, was droben ist“, zum Reich Gottes also? Bleibt also alles, äußerlich folgenlos, im Rahmen einer geistigen Konstruktion, bei jener biblisch angeratenen, inneren Haltung des „In der Welt“, aber nicht „Von der Welt“-Seins?

Oder muss die Kirche mit dem deutschen Staat brechen? Muss sie das „Privileg“ des staatlichen Kirchensteuereinzugs aufkündigen? Den Caritas-Verband als einen der zwei größten Wohlfahrtskonzerne und Arbeitgeber zerlegen und umwandeln in gläubige Basiszellen, die – womöglich mit Kreuzträgern, Weihrauch und Bischof an der Spitze – zu christlichen Wohltaten ausrücken? Muss die Kirche den Ländern die Milliardenzuschüsse zurückerstatten? Den Religionsunterricht in öffentlichen Schulen und die Theologischen Fakultäten an den Unis aufgeben?

Gemeinhin gilt die Kritik an der engen Verflechtung zwischen Kirche und Staat als Gebiet der „Linken“ im Katholizismus; eine arme, schlanke Kirche im Geist des milden Heiligen Franziskus. Doch auch Benedikt, als er sich noch Joseph Ratzinger nannte, schwamm schon lange auf dieser Welle: Seine Bedenken gegen eine großstrukturell verwaltete Volkskirche, gegen deren „Zentralkomitees“ und gegen „Berufskatholiken, die von ihrer Konfession leben“, hegt und wiederholt er seit gut vierzig Jahren. Er hat es aber auch immer bei Worten belassen – obwohl er als Chef der Glaubenskongregation und jetzt gar als Papst durchaus Möglichkeiten hat, die deutschen Bischöfe zu Taten anzuhalten. Auch von sich aus könnte der Vatikan jederzeit aktiv werden. Er könnte seine Konkordate mit den Bundesländern kündigen und neu verhandeln. Ferner hätte Benedikts sonst so enger und in der innerdeutschen Polemik so papstbeflissene Freund Kardinal Joachim Meisner schon einmal damit anfangen können, modellhaft seinen eigenen Sprengel zu verarmen: Köln gilt als reichste Diözese der Welt. Und wie hätte man sich die „beherzte Entweltlichung der Kirche“ im traditionellen Kölner Klüngel vorzustellen?

Benedikt hat anscheinend nicht bedacht, wie sich die Situation in Deutschland mittlerweile geändert hat: Die Kirchensteuereinnahmen gehen massiv zurück; die Kirche baut ohnehin schon Einrichtungen ab – und sie bezahlt Mitarbeiter in der Caritas teilweise so schlecht, dass die zunehmend protestierenden Angestellten statt der „Entweltlichung“ eher eine „Verweltlichung“ fordern: die christlich-menschliche Rückkehr zu normalen deutschen Gehaltstarifen.

Auch zieht sich die katholische Kirche mangels Priesternachwuchs seit Jahren zunehmend aus der Fläche zurück. Und noch entfernter von der deutschen Realität wirken jene Worte, in denen Benedikt der Kirche empfahl, ihre „Machtansprüche“ aufzugeben und sich von ihrer „politischen Last“ zu befreien. Da hat er wohl eher nach Italien gesprochen. Oder gar in den Vatikan hinein. Der ist durchaus eine Politikmaschine, mit dem Erfolg, dass keine italienische Regierung es wagt, etwas gegen den Willen des Vatikans zu tun.

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