Politik : Entwicklungsarbeit: Reformen und Ruinen

Christoph Link

Erfahrene Entwicklungshelfer in Afrika sind am Ende ihres Berufslebens häufig enttäuscht. Zu viele Projekte sind gescheitert, zu viele Konzepte waren falsch. Vor 40 Jahren ist in Bonn das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gegründet worden und eines der ersten Partnerländer war Kenia. Seit 1963 fließen dort deutsche Entwicklungsgelder hin, insgesamt in fast vier Jahrzehnten eine Summe von zwei Milliarden Mark - umsonst verpulvert? Eine der Ruinen von Entwicklungshilfe steht in Kabete unweit der Hauptstadt Nairobi, eine landwirtschaftliche Fachhochschule - verwaist. Eine andere Ruine könnte bald im Mathare-Slum entstehen, wo ein mit deutscher Hilfe finanziertes Wohnprojekt für 30 000 Menschen von kriminellen "Slumlords" bedroht wird.

Dabei sind die Konzepte modernisiert worden. "Deutsche Berufsschullehrer fliegen in Afrika ein, krempeln die Ärmel hoch und managen alles: Von dieser Idee haben wir längst Abschied genommen", sagt Lars Nieder, entwicklungspolitischer Referent der deutschen Botschaft in Nairobi. Denn wenn die "Manager" wieder abzögen, sei das Projekt meist dem Tode geweiht. Deutsche Entwicklungshilfe funktioniert heute anders: Das Partnerland soll "mit Zuckerbrot" zu politischen und wirtschaftlichen Reformen bewegt werden, die ihm eine eigenständige Entwicklung ermöglichen - das ist der Tenor. Gerade Kenia, mit seiner Vetternwirtschaft unter dem seit 1978 allmächtig regierenden Präsidenten Daniel Arap Moi, ist allerdings ein störrischer Partner. Und die Deutschen lassen es Moi spüren: Mit rund 52 Millionen Mark technischer und finanzieller Hilfe für die nächsten Jahre erhält Kenia ein Drittel weniger Geld als die Nachbarn Tansania und Uganda.

Kenia ist ein potentiell reiches Land, doch es gilt als der drittkorrupteste Staat der Welt. Misswirtschaft und eine Dürre haben die 29 Millionen Kenianer an den Rand des Ruins gebracht. Die Entwicklungshilfe hat den Niedergang nicht aufhalten können: 14 Millionen Kenianer leben von einem US-Dollar am Tag und damit unter der Armutsgrenze. Kenia ist ärmer als im Jahr der Unabhängigkeit. Besonders stark war das Engagement des BMZ im Bildungssektor, doch nach und nach ziehen sich die Deutschen daraus enttäuscht zurück: Begründung: Die Regierung erledigt ihre eigenen Hausaufgaben nicht, sie sorgt weder für eine angemessene Bezahlung der Lehrer noch für den Unterhalt der Schulen. Der Bildungsbereich ist auf den Stand der 70er Jahre zurückgefallen, nur noch 60 Prozent der Kinder besuchen die Schule, um 1990 waren es noch 95 Prozent. Millionen von Familien können die Schulgebühren nicht zahlen.

Beharrlich drängen "Geberländer" wie Deutschland Kenias Regierung zu Reformen, zu mehr Privatisierung und Dezentralisierung. Doch die Umsetzung geschieht nach dem Motto einen Schritt vor und einen zurück. Im Verbund mit Europäischer Union, Weltbank und IMF war eine Anti-Korruptionsbehörde in Kenia durchgesetzt, doch später stellten die Korruptionsjäger ihre Arbeit wieder ein, nachdem ein Hohes Gericht ihr Tun untersagte.

Die größten Erfolge verbucht deutsche Entwicklungshilfe bei überschaubaren Kleinprojekten und in der Familienplanung. Seit gut zehn Jahren läuft ein Programm der GTZ, in dem 13 000 Freiwillige zu Beraterinnen für Familienplanung ausgebildet wurden. Mit blauen Taschen voller Kondome und Prospekten ziehen sie von Dorf zu Dorf und beraten Paare. Der Erfolg ist durchschlagend und in andere Länder Afrikas ist die Idee exportiert worden. Die durchschnittliche Kinderzahl in Kenia ist von 6,7 im Jahre 1989 auf 4,7 im Jahre 1998 gesunken, und kleinere Familien sind ein erster Schritt zu mehr Wohlstand.

Bei allen Rückschlägen sieht man im Ministerium von Heidemarie Wieczorek-Zeul keine Alternative zur Entwicklungspolitik - gerade nach dem 11. September. Lars Nieder läßt sich in seinem Büro in Nairobi nicht entmutigen: "Afrika muß integriert werden in die Welt, ansonsten drohen Gefahren durch Umweltschäden, Terrorismus, Kriege und den Bevölkerungsdruck." Durch einen Kampf gegen die Armut werde die Welt wohl nicht gerechter, aber stabiler.

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