Entwicklungsländer : Wie aus der Krise Hunger wird

Die Probleme an den weltweiten Finanzmärkten haben inzwischen die Realwirtschaft erreicht. Welche Folgen hat das für die ärmsten Länder?

Dagmar Dehmer
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Montage: Mika/Foto: ddp

Die sichtbarste Folge für die Entwicklungsländer sind die zusammenbrechenden Rohstoffmärkte. Am deutlichsten zeigt sich das am Ölpreis, der seit Juli von 147 Dollar pro Fass (159 Liter) auf nunmehr weniger als 50 Dollar gesunken ist. Aber auch die Preise für Gold, Kupfer oder andere Metalle sind deutlich zurückgegangen. Das trifft zunächst vor allem die Länder, die zuvor vom Rohstoffboom profitierten. Der Zusammenbruch der Rohstoffmärkte war das erste Zeichen, dass die Finanzkrise in der realen Wirtschaft angekommen ist. Das zweite Zeichen ist der dramatische Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Konsumgütern. Und das trifft all die Länder, die beispielsweise noch über eine Textilindustrie verfügen. In China schließen schon reihenweise Fabriken.

Wie hängt die Finanzmarktkrise mit der Lebensmittelpreiskrise zusammen?

Die Lebensmittelpreiskrise hat ihren ersten Höhepunkt im Sommer erreicht. Monatelang gab es in verschiedenen Ländern Hungerrevolten wegen der rasant steigenden Preise. Die sinkenden Ölpreise und die Rekordgetreideernte dieses Jahres haben die Probleme aber nicht lösen können, weil eine Vielzahl von Faktoren zu den steigenden Preisen geführt hatten. Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus fordert deshalb ein "Rettungspaket für die Armen". Im Gespräch mit dem Tagesspiegel wies der Gründer der Mikrokreditbank Grameen aus Bangladesch darauf hin, dass die Armen der Welt den Folgen der Finanzkrise nichts entgegenzusetzen haben. Sie würden von den wirtschaftlichen Turbulenzen "gleich doppelt getroffen". Schon die hohen Lebensmittelpreise hätten die Armen und Ärmsten besonders hart getroffen. "Aber da hatten sie zumindest noch ein Einkommen", sagt Yunus. "Sie haben die Menge auf ihren Tellern halbiert oder nur noch einmal am Tag gegessen."

Doch wenn die Finanzkrise nun zu einer weltweiten Rezession führt, "dann werden die Armen ihre Jobs oder ihre selbstständigen Einkommen verlieren und sich nicht mehr selbst helfen können", warnt er. In Bangladesch seien tausende junge Frauen in den Kleiderfabriken beschäftigt. Doch wenn die Kunden in den USA oder Europa "unsere T-Shirts oder Jeans nicht mehr kaufen, werden die Fabriken schließen und die Frauen ihre Jobs verlieren". Yunus ist überzeugt, dass die Finanzkrise Kreditinstituten wie seinem nichts anhaben könne, "denn bei uns gibt es immer reale Werte hinter den Krediten". Doch die Kreditnehmer würden von der Wirtschaftskrise hart getroffen: "Wenn eine Frau mit einem Kleinkredit eine Kuh gekauft hat und die Milch verkauft, aber niemand mehr Milch kaufen kann, weil die Leute dafür nicht mehr genug Geld haben, wird sie scheitern."

Was wird sich an der Entwicklungshilfe ändern?

Auf dem Höhepunkt der Lebensmittelpreiskrise hat EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso angekündigt, eine Milliarde Euro aus dem Agrar-Etat, die eben wegen der hohen Preise nicht abgerufen worden waren, als Nothilfe für Investitionen in die Landwirtschaft von Entwicklungsländern zur Verfügung zu stellen. Fünf Monate lang stritt die Europäische Union über diese Milliarde für die Armen. Nach einer weiteren sechsstündigen Sitzung der EU-Haushälter am Samstag ist die Milliarde für dieses Jahr auf 262 Millionen Euro geschrumpft. Im kommenden Jahr sollen 568 Millionen Euro in Saatgut, Kreditprogramme für Kleinbauern oder Dünger fließen, und 2010 noch einmal 170 Millionen Euro. Das Geld kommt jetzt auch nicht aus dem Agrar-Etat, sondern aus dem Budget für Außenbeziehungen sowie dem Nothilfe- Budget der EU. Stattdessen werden die Überschüsse im Agrar-Topf - wie vor allem von Deutschland gewünscht - in einen "Milchfonds" für europäische Bauern gesteckt.

An der Diskussion über die sogenannte Barroso-Milliarde lässt sich in etwa ablesen, wie es mit der Entwicklungshilfe in den kommenden Jahren weitergehen wird. Zwar haben sich die Europäer verpflichtet, in einem Stufenplan bis 2015 immerhin 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Entwicklungshilfe zu investieren. Diesem Ziel könnte Deutschland sogar etwas schneller näher kommen, wenn die Wirtschaftsleistung nicht mehr wächst, sondern womöglich sogar schrumpft. Doch insgesamt wäre das dann auch weniger Geld für die Entwicklung beispielsweise in Afrika.

In Japan wird schon offen über eine Kürzung der Entwicklungshilfe diskutiert. Dabei ist das asiatische Land traditionell ein großer Geber und setzt seine Entwicklungshilfe schon immer sehr politisch ein, etwa um sich Mehrheiten bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu sichern oder um andere Ziele zu erreichen. Doch die japanische Dauer-Wirtschaftskrise macht es den Entwicklungspolitikern schwer, für mehr Mittel zu streiten.

Was tut die Welt gegen die Lebensmittelpreiskrise?

Der Washingtoner Hunger-Think-Tank Ifpri sieht in Kleinkreditprogrammen für Bauern in Entwicklungsländern die beste Möglichkeit, das Preisniveau für Lebensmittel auf ein verträgliches Maß zu senken. Mit dem Geld sollen sie geeignetes Saatgut und Dünger kaufen. Allerdings seien die hohen Preise auch eine Chance für Bauern in Entwicklungsländern: Gerade die afrikanische Landwirtschaft könne davon profitieren.

Wenn es nach der Bauernlobby in Europa ginge, würde vor allem in Europa viel mehr produziert. Davor warnt jedoch die Chefin des deutschen Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Beate Jessel. "Das Instrument Flächenstilllegung ist zwar nicht aus Naturschutzgründen eingeführt worden, sondern um die hohen Produktionsmengen an Getreide zu beschränken. Es hat aber sehr positive Nebenwirkungen entfaltet", sagte sie dem Tagesspiegel. Jessel will deshalb verhindern, dass "sämtliche Stilllegungsflächen in der EU auf einen Schlag wieder für den Anbau freigegeben werden". Durch die Flächenstilllegung seien die Folgen der "anhaltenden Intensivierung der Landwirtschaft etwas gemildert" worden. "Wir könnten uns deshalb vorstellen, dass die Bereitstellung von zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Erhaltung der Biodiversität als Verpflichtung eingeführt wird", sagte Jessel. Mit Blick auf den Boom beim Anbau von Energiepflanzen, der ebenfalls zu den steigenden Lebensmittelpreisen beigetragen hat, sagte sie: "Was uns alarmiert, ist, dass für den Anbau von Energiepflanzen zunehmend Grünland umgebrochen wird." In den Subventionsregeln der EU werde diese Praxis auf zehn Prozent der Flächen beschränkt. "Werden fünf Prozent überschritten, muss gegengesteuert werden", betonte Jessel. "In einigen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen hat dieser zulässige Grünlandumbruch diese Marke schon überschritten oder ist nahe dran."

Häufig wird auch gefordert, transgene Pflanzen einzusetzen. Dadurch soll eine Ertragssteigerung erreicht werden und eine Ausweitung der Anbauflächen auf trockene oder versalzene Standorte. "Das muss man kritisch sehen", sagte Jessel. Denn was die durch gentechnisch veränderte Pflanzen erhoffte Ausweitung von Anbauflächen angehe, hätten die Züchtungsversuche seit nunmehr gut 15 Jahren "noch immer keine marktreifen Ergebnisse" gebracht. Eine angepasste Sortenzüchtung, bei der markergestützt und damit gezielter gezüchtet werden kann, bringe sehr viel schneller Ergebnisse. Zudem treffe das Argument höherer Erträge auch nur bedingt zu. "Einige Nutzpflanzen in bestimmten Regionen bringen höhere Erträge. Aber in anderen Regionen sind Ertragsrückgänge verzeichnet worden." Das sei etwa bei herbizidresistenter Soja beobachtet worden.

Dagegen sieht Jessel durchaus eine größere Rolle für den Ökolandbau. Er trage durch die organische Düngung und weil viel Biomasse auf dem Acker bleibe, zu einer Anreicherung des Bodens mit Humus und damit zu einer dauerhaften Bindung von Kohlendioxid bei. "Es stimmt zwar, dass die Erträge etwa bei Kartoffeln deutlich geringer sind. Aber es lässt sich nicht von unserer Produktionsstruktur auf die ganze Welt schließen." Die Weltagrarorganisation FAO rechnet sogar mit deutlichen Ertragssteigerungen beim Ökolandbau gerade in Entwicklungsländern.

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