• Er eckt an, besonders in der eigenen Partei. Auch jetzt wieder, mit Bemerkungen über die PDS. Ein bißchen ist er wie Lafontaine

Politik : Er eckt an, besonders in der eigenen Partei. Auch jetzt wieder, mit Bemerkungen über die PDS. Ein bißchen ist er wie Lafontaine

Kerstin Decker

Bonn im Januar. Heiner Geißler hat die Rollos auf der Rhein-Seite seines Arbeitszimmers heruntergelassen. Sicher kann er die Klagen der Rheintöchter über ihr verlorenes Kapital nicht mehr hören. Das Geld gehört in den Fluss! Wagner hat mal eine ganze Oper darüber geschrieben. Heiner Geißler eben gerade ein Buch, nicht ganz so fundamentalistisch. "Zeit, das Visier zu öffnen", heißt es. Ein richtiger Nibelungentitel. Vorn drauf der vormalige CDU-Generalsekretär in schneidendem Profil, den Mantelkragen hochgeschlagen. Ein markiger Imperatorenkopf, den Blick fest in eine unermessliche Ferne gerichtet. Geißler sieht offenbar etwas, was andere nicht sehen.

Er hat seiner Partei die Rechnung aufgemacht. Sie musste die Wahl verlieren, weil sie das "Soziale" an der "sozialen Marktwirtschaft" gefährdet habe. Weil sie auf die Neoliberalen hörte. Die CDU verlor in dem Augenblick, als sie das "Bündnis für Arbeit" aufkündigte. Schon 1996. Sagt Geißler. Was folgt aus Moral und Ethik für Wirtschaft und Globalisierung?, fragt er. Müsste er das nicht endlich zeitgemäß umkehren: Was folgt aus Wirtschaft und Globalisierung für Moral und Ethik? - Geißler sitzt an seinem schwarzen Konferenztisch und sagt langsam wie vor ihm Wotan: Das ist das Ende! - Die beiden haben schon lange dasselbe Problem. Eine neue Generation ist dabei, die alten Götter beiseite zu schieben, die alten Verträge aufzulösen (war die "soziale Marktwirtschaft" etwa nicht für eine neue Ewigkeit erdacht?), und inzwischen vagabundiert ohne Aufsicht das spekulative Kapital wie einst das Rheingold. Weltweit.

Von Bonn nach Berlin

Berlin im Oktober. Heiner Geißler hat die Rollos seines Arbeitszimmers hochgezogen. In einer Großstadt sollte man besser alles im Blick haben. Rechts das Adlon, gegenüber die Baustelle, unten die Autos. Eine Art Ersatzfluss. Der Ersatzfluss habe jetzt einen eigenen Kanzler, sagen manche. Heiner Geißler sitzt an demselben schwarzen Schreibtisch wie in Bonn, hinter sich im Regal den Leitfaden "Oskar Lafontaine" von Werner Filmer/Heribert Schwan und findet sein Buch noch immer hoch aktuell. Die schnelle Rekonvaleszenz der CDU hat ihn also nicht erstaunt? Die harte Kritik nicht gereut? Geißler lächelt. Er schaut hinunter auf die Autos sowie den unsichtbaren Kanzler und sagt entschieden: Nein! - Im Januar brauchte er für die Entwicklung der CDU in den letzten Jahrzehnten genau einen Satz: 48,8 Prozent aller Stimmen für die Union 1983 "während meiner Verantwortung als Generalsekretär", 35,1 Prozent heute.

Es gibt mehrere Hauptarten von Heiner-Geißler-Sätzen. Die erste fängt so an: "Ich war zwölf Jahre lang Generalsekretär der CDU" oder "Ich war gerade ein paar Monate Generalsekretär, als der Kohl zu mir kam". Diese Sorte ist sehr häufig und lässt schon vom Tonfall her keinen Zweifel, dass er die zwangsläufige Vergangenheitsform dieser Aussage für ein großes Unglück hält. 1989 wurde Geißler gegen den Widerstand der Mehrheit in Parteipräsidium und Bundesvorstand abgelöst. - Die zweite Art sind die Aristoteles-Sokrates-Pascal-Sätze: "Ich habe versucht, ein Buch über die Wahrheit zu schreiben, obwohl das nicht ganz ungefährlich ist, das wusste schon Sokrates." Ein anderer macht gerade eine ähnliche Erfahrung. Lafontaine. Am vorletzten Sonntag bei Sabine Christiansen stand Geißler ihm bei.

Der Mann hat ein Buch geschrieben, das wird doch noch erlaubt sein!, ruft Geißler. Er weiß, wovon er spricht. Als seins erschien, fasste Michael Glos von der CSU diesen Umstand in der Frage zusammen: Hat es der Geißler bei seiner Altersversorgung eigentlich nötig, auch noch durch Bücher aufzufallen? Doch mit dem Bücher schreiben fing Geißler, genau wie Lafontaine, schon viel früher an. Seine "Neue soziale Frage" erschien 1975. Den Aufruhr, der damals entstand (Forderung nach neuer sozialpolitischer Konzeption), löst er seitdem regelmäßig schon im Vorfeld aus. Zwei Bücherschreiber also. Zwei sehr ähnliche Diagnosen. Aber Geißler findet gar nicht, dass er eine Nähe zu Lafontaine habe. Er findet vielmehr, Lafontaine besitze eine entschiedene Nähe zu ihm. Oder wer habe wohl zuerst über die Globalisierung nachgedacht?

Ordnung!, sagt Geißler, was wir brauchen, ist Ordnung! Aristoteles. Und nicht nur eine für uns, sondern eine Weltordnung! - Nach den neueren Philosophien ist Ordnung ein Spezialfall des Chaos, aber Geißler, der gelernte Jesuit, mag die neuen Philosophien nicht. Und am Allerfalschesten sei eben der Neoliberalismus sowie das Schröder-Blair-Papier. Amerika, das Jobwunder? Ja, natürlich, das sei eine ganz neue Qualität: Arm sein mit Arbeit! Und das ist jetzt unser Vorbild? Oder England. New Labour? - Im Januar in Bonn folgte an dieser Stelle ein Weltuntergang in Milliarden und Prozenten, in dessen Verlauf das Gesicht des Redners seltsam aufklarte, ja eine losgelöste Begeisterung erschien darin. Sehen Sie doch mal, sagte der vormalige Generalsekretär, wenn heute ein Einzelner durch Spekulation das englische Pfund abstürzen lässt - George Soros, der Mann, der die Bank von England knackte -, das könne doch nicht gesund sein. Das würden inzwischen selbst die Neoliberalen begreifen. Der Soros habe auch ein Buch geschrieben, "Die Krise des globalen Kapitalismus". Da stehe drin, wo das mal endet - ohne Ordnung. Und keiner solle denken, was wir hier hätten, sei Kapitalismus. Kapitalismus sei was ganz anderes und genauso falsch wie der Sozialismus. Die soziale Marktwirtschaft, sagt Geißler, war nämlich die Reaktion auf zwei verkehrte Systeme.

Die Fehler der "Sozis"

Er spricht jetzt wieder über Wirtschaft, aber es klingt, als spräche er über eine Idee. Genau wie Lafontaine? Geißlers Begriff von Ökonomie, das spürt man, ist nicht der geläufige. Eher aristotelisch, als Ökonomie (von "oikos") noch die Kunst der Haushaltung meinte. Geißler verteidigt nicht bloß ein Wirtschaftsmodell gegen die Anzeichen seiner schrittweisen Auflösung, er verteidigt mehr: das eigene geistige Herkommen, die katholische Soziallehre, die Freiburger Schule. Konsens statt Konfrontation! Alles, wofür er selbst stand, seit er in den Siebzigern als Minister in Rheinland-Pfalz Altenpläne, Gesetze zur Sportförderung und Kindergärten sowie die ersten Sozialstationen der Bundesrepublik durchbrachte. Darum musste ihn das Scheitern des Bündnisses für Arbeit unter der CDU-Regierung so schmerzen. Er sah es als Zäsur. Darum muss er jetzt lächeln. Die "Sozis" machen dieselben Fehler.

In Bonn blickte Heiner Geißler auf eine Zimmerwand voller Berge - große Berge, kleine Berge, spitze Berge, runde Berge. Jetzt sieht er vor sich nur ein Bündel Bretter an der Wand, das, versprechen Fachleute, später ein Regal werden soll. Ein Zettel mit der Aufschrift "Dr. Geißler" klebt daran. Gibt es ein Leben ohne Berge? Gibt es ein Leben in Berlin? Hinter ihm stehen als Rückendeckung drei Bände Fontane. Die waren im Januar noch nicht da. Das Unmögliche, es soll also möglich sein - Preußen zu lieben. Geißler sitzt da, immer ein bisschen gebeugt. Aber das täuscht. Es handelt sich um eine taktische Krümmung. Denn kerzengerade kommt keiner, sagen wir, den Grand Casse hoch. 3865 Meter. Und Heiner Geißler musste da rauf: "Ich hatte in jenem Winter 1982/83 wegen des Bundestagswahlkampfs wenig Zeit, wollte aber unbedingt . . ." Übers Bergsteigen hat Geißler auch schon ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel "Bergsteigen", und das erste Kapitel heißt "Nichts ist unmöglich". Im Falle Geißlers sollte man solche Sätze ziemlich ernst nehmen.

Es ist mit dem Bergsteigen wie mit der Politik. Keiner weiß genau, warum einer das eigentlich macht. Dieser ewige Aufstieg, nur um irgendwann von ganz oben runtergucken zu können. Vielleicht denkt Geißler deshalb immer von oben nach unten, von den letzten Fragen (Was ist der Mensch?) abwärts bis zur Steuerreform. Oder zur PDS.

Geißler stört es nicht, dass mancher ihn für eine ziemlich rote Socke hält, nur wegen seines Vorschlags, die PDS nicht zu ignorieren. "Wissen Sie, in Deutschland gilt mancher schon als rechtsradikal, wenn er morgens pünktlich zur Arbeit kommt, und als linksradikal, wenn er eine berufstätige Frau hat." Und in der CDU sei eben Extremist, wer nicht umstandslos an die Gleichung Kommunismus gleich Faschismus glaube. Historisch falsch und absurd, schrieb Geißler und zitiert den SPD-Mann Eppler: "Das NS-Reich hat Berge von Leichen hinterlassen. Die SED hat Berge von Akten hinterlassen." So ist er nun mal, dieser Geißler. Man müsse überhaupt über den Begriff Loyalität ganz neu nachdenken, sagte er. Sagt er jetzt wieder. Und dass er gegen ein geistiges Sultanat sei.

Heiner Geißler, einer der letzten Linken von Bonn!, kündigte Klaus Bresser seinen Gast bei der allerersten Lesung seines Buches an und balancierte dabei die Andeutung eines Lächelns im rechten Mundwinkel. Jetzt hat Geißler schon wieder ein Buch geschrieben. Oder jedenfalls ein paar Seiten darin. Im "Deutschen Theater" wurde es gerade vorgestellt. "Und links außen - Heiner Geißler!", begrüßte man ihn auf dem Podium.

Er saß wirklich da, links außen. Das Buch heißt "Einigkeit und aus Ruinen". Es enthält 50 Gedichte und 50 Gedichtinterpretationen, für jedes Jahr Bundesrepublik eins. Rechts außen saß Hildegard Hamm-Brücher, und sofort kam es zwischen beiden zu einem heftigen Generationenkonflikt, der in dem Hamm-Brücher-Satz gipfelte: "Herr Geißler, Sie sind doch viel zu jung!" Zu jung, um bestimmte Dinge am Beginn der CDU sowie der Bundesrepublik mitbekommen zu haben. Geißler entschuldigte sich. Er sei Mönch gewesen damals, jedenfalls fast, und hatte das Armuts-, Gehorsams- und Keuschheitsgelübde abgelegt, jedenfalls fast, da kriege keiner alles mit: "Sie können sich denken, an welchem Gebot ich gescheitert bin!" Am Gehorsam?

Und dann interpretiert er das Gedicht "Melancholie" von Helga M. Novak. Es endet mit den drei Worten "Melancholie gnädige Trösterin". Hildegard Hamm-Brücher ist aufrichtig erstaunt. Dass der Geißler Ahnung hat von Melancholie! Der vormalige Generalsekretär der CDU wehrt sich - vielleicht weiß er, dass die Melancholie, katholisch betrachtet, eine Sünde ist. Er habe sich das Gedicht gar nicht ausgesucht, sich dann aber furchtbar angestrengt. Irgendwie merkt man das auch. Die "Melancholie"-Gedichtinterpretation des Bundestagsabgeordneten Heiner Geißler mündet in den Ausblick der Überwindung jedweder Melancholie im Zeichen von Zukunftsoptimismus und Aufbruch - im Prozess der europäischen Einigung.

Man klettert nicht alleine

Heute, ein paar Monate später, würde Geißler das vielleicht etwas anders schreiben. Denn jetzt ist er in Berlin. In Berlin-Mitte. Versuchen Sie mal, in Berlin-Mitte einen Bohrer zu kaufen!, sagt er. Bis nach Weißensee habe man ihn geschickt, zu irgendeinem Obi-Baumarkt. Und da sei er unterwegs richtig melancholisch geworden. Muss eine Stadt wirklich so groß sein und - so eben? Ja sicher, der Außenminister joggt einfach nach Potsdam, aber er? Nicht mal Mountainbike fahren könne man hier. Heiner Geißler, sagt man, hat den schönsten Wahlkreis Deutschlands. Die Südpfalz. Und den behält er auch.

Trotzdem möge er Berlin. Er sei ausdrücklich für Berlin gewesen. Und den Osten möge er auch. "Das ist unentdecktes Land für mich." Allein, dass die so komisch wählen hier! Manche Neuberliner sollen schon an den angrenzenden Wohnungstüren geklingelt haben mit den Worten: "Guten Tag, ich bin ihr neuer Nachbar!" Die Antwort war ein aufrichtiges "Na und?". Heiner Geißler hat es wohl besser gehabt mitten im Osten. Darum ist er auch nicht Mitglied der neugegründeten Selbsthilfegruppe der Bonner im Exil, "Berlin tut weh".

Im Januar in Bonn fragte ein junger Mann, warum er, Geißler, noch immer in der CDU sei. Für einen Augenblick wurde sein Blick kalt. Dann lächelte er wieder dieses ewig jungenhafte Geißler-Lächeln und sagte: Wer sowas frage, habe ganz falsche Vorstellungen von der CDU! - Aber der empfindliche Punkt war getroffen. Auch Nonchalance kann ihn nicht mehr überdecken. Man klettert eben nicht gut allein. Das weiß er auch vom Bergsteigen. Und dass die Abstiege oft mühsamer sind als das Hinauf. Im Oktober 1998 wurde Heiner Geißler nicht mehr als stellvertretender Bundestags-Fraktionsvorsitzender seiner Partei wieder gewählt. Er ist jetzt Berater von Angela Merkel, der aktuellen Generalsekretärin der CDU.

Die hat auch mal ein Buch geschrieben. Es heißt "Der Preis des Überlebens".

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